Wer krank ist, braucht Ruhe und Zeit – eine weit verbreitete Begründung, warum sich Vorgesetzte und HR-Abteilung nicht bei kranken Mitarbeitenden melden. Man begnügt sich mit dem Arztzeugnis, das die Arbeitsunfähigkeit attestiert. «Ein fataler Irrtum, der am Schluss nicht selten mit der Kündigung der Stelle durch den Arbeitgeber endet», weiss Professor Dr. med. Oskar Baenziger, Leiter des regionalen ärztlichen Dienstes (RAD) Nordostschweiz in Zürich aus der Praxis. Richtig ist: Wenn ein Mitarbeiter länger als einen Monat krank ist oder übers Jahr verteilt immer wieder Krankheitsabsenzen hat, dann ist das Gespräch mit den IV-Spezialisten angezeigt. Mit der unkomplizierten Früherfassungsmeldung ist schnell geklärt, ob im konkreten Fall eine IV-Anmeldung sinnvoll ist. «Oft können gesundheitliche Schwierigkeiten mit einer Arbeitsplatzanpassung – finanziert durch die IV – in den Griff bekommen werden, und der Mitarbeiter erlangt die Leistungsfähigkeit zurück», erklärt Baenziger. Es gehe immer um den Faktor Zeit. Verschiedene Untersuchungen hätten den Nachweis erbracht, dass Arbeitslosigkeit ein Krankheitsbild verstärke. Die IV-Spezialisten sollten deshalb zu einem frühen Zeitpunkt als Partner an Bord geholt werden, bevor es zur Kündigung kommt. Arbeitslos und krank – damit steige das Risiko für eine IV-Rente deutlich. Taggeld- und Pensionskassenversicherung ‚bestrafen’ den Arbeitgeber im Rentenfall mit höheren Prämien, dazu kommt der Verlust des wertvollen Know-hows und der Aufwand für die Neubesetzung der Stelle im Unternehmen.

Handeln statt wegschauen

Das Ziel der IV-Spezialisten ist, alles ihnen Mögliche zu tun, damit Menschen den Arbeitsplatz behalten oder in einem neuen Unternehmen wieder arbeiten können. Für den ärztlichen Leiter bei der SVA Zürich ist klar, dass Unternehmen einen natürlicheren Umgang mit psychischen Krankheiten entwickeln müssen. In unserer Leistungsgesellschaft steige der Anteil der psychischen Krankheiten. Entsprechend wird die Hälfte aller IV-Neurenten heute wegen einer psychischen Erkrankung gesprochen.
Gefordert sind die Vorgesetzten und die HR-Fachleute. An ihnen ist es, die Zeichen für ein mögliches Invaliditätsrisiko zu erkennen. Baenziger weiss, dass dies nicht einfach ist, gerade bei psychischen Schwierigkeiten. Der Mitarbeiter fällt zuerst nicht auf, weil er krank ist, sondern, weil sich sein Sozialverhalten verändert. Er ist launiger, bekommt plötzlich Streit mit Vorgesetzten oder Kollegen. Vielleicht zieht er sich zurück, wirkt verschlossen, oder es kommt zu Konflikten mit Kunden. Auch beobachtet wird, dass Kleidung oder Hygiene vernachlässigt werden. Bei langjährigen Mitarbeitenden kann ein unerklärbarer Leistungsknick auch ein Indiz für ein gesundheitliches Problem sein, oder die Mitarbeiterin wirkt häufig unkonzentriert oder unbeteiligt. Gemeinsam haben die Fälle, dass vermehrt kürzere oder längere Krankheitsabsenzen festgestellt werden.

Job-Coaching gibt Sicherheit

Die IV-Stellen stellen bei psychischen Problemen einen professionellen Job Coach zur Seite, der unterstützt, damit eine kranke Mitarbeiterin, ein kranker Mitarbeiter wieder arbeiten kann. Der Job Coach begleitet den Mitarbeitenden, er berät aber auch Arbeitgeber und Vorgesetzte vor Ort. Wer nach längerer Krankheit an den Arbeitsplatz zurückkehrt, braucht Unterstützung, damit der Einstieg gelingt. Job Coaches geben dem Arbeitgeber und der Mitarbeiterin Sicherheit. Der Austausch mit dem behandelnden Arzt hat dabei einen besonderen Stellenwert. Es ist wichtig, dass die behandelnden Ärzte die Bedeutung der Arbeit im Genesungsprozess erkennen und unterstützen, dass der Job-Einstieg früh möglich ist. In vielen Fällen ist es sinnvoll, die Eingliederung zu starten, bevor jemand wieder vollständig genesen ist.