Frau Jones, warum ist es so wichtig, dass die Aufklärung über sexuelle Vielfalt bereits bei Kindern startet?

«Schwul» ist inzwischen als Schimpfwort schon in Kindergärten und der Grundschule angekommen, wird dort teilweise gleichbedeutend mit ekelig oder uncool verwendet, ohne dass die Kinder wissen, was schwul eigentlich ist. Wenn sie’s dann später lernen, haben sie unterbewusst immer noch das Gefühl, dass das irgendwas Negatives ist. Daher bedarf es einer frühen Aufklärung über Vielfalt und Toleranz, Liebe und Lebensgestaltung.

Warum ist sexuelle Vielfalt leider oft noch ein Tabuthema?

Weil es ein kulturbedingter Faktor ist. In manchen Kulturen oder weniger toleranten Gesellschaften wird alles, was ein bisschen von der Norm abweicht, als Bedrohung empfunden, tabuisiert und sogar verboten. Somit liegt leider noch ein langer Weg vor uns – selbst in Deutschland, wo wir bisher schon viel erreicht haben.

Meinen Sie, Homophobie und Intoleranz hängen eher mit Angst oder Unaufgeklärtheit zusammen? 

Erst die Gesellschaft macht Menschen intolerant

Das ist eine unglückliche Mischung aus beidem. Deswegen ist die Aufklärung ja so extrem wichtig. Sie macht einem das Fremde etwas vertrauter und die  unbegründeten Ängste bewusster. Kinder sind vollkommen arglos und unvoreingenommen. Das habe ich bei meiner Lesung im Kindergarten neulich wieder gemerkt. Erst die Gesellschaft macht Menschen intolerant. Deshalb habe ich ja auch das Buch geschrieben. Es ist ein Buch für Kinder und Eltern.

Ich wünsche mir, dass die Menschen verinnerlichen, dass Homophobie eine Angst ist, die völlig unbegründet ist. Im Moment sind wir in Deutschland leider in einer Phase, in der sich Schwulenhasser wieder mehr aus der Deckung trauen. Deswegen dürfen wir uns auch auf dem, was wir im Kampf für mehr Vielfalt schon erreicht haben, nicht ausruhen. Toleranz und Respekt müssen immer wieder neu erkämpft und verteidigt werden. 

Wie kann man sich oder andere vor sexueller Diskriminierung schützen?

Der beste Weg ist die frühzeitige Aufklärung, indem man bereits Kindern zeigt, dass Anderssein nicht schlimm, sondern gut für die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit ist. 

Sollte sich die Gesellschaft nicht langsam von ihrem heteronormativen Konstrukt und ihren restriktiven Geschlechterideologien wegbewegen?

Ja. Als die erste Frau in Hosen vor dem Bundestag gesprochen hat, war das ein grosser Skandal. Heute können wir uns Angela Merkel gar nicht mehr «unten ohne» vorstellen (lacht). Genauso normal ist es ja inzwischen, dass Frauen wählen und arbeiten gehen. Das war ja nicht immer so. Und irgendwann wird hoffentlich auch keiner mehr bezweifeln, dass Schwule genauso gute Eltern sein und ein Kind genauso lieben können wie heterosexuelle Paare.

Glauben Sie, die LGBT-(«Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender»-)Community bietet ein breites Spektrum alternativer Lebensformen, die unsere gesamte Gesellschaft positiv bereichern kann?

Ja. Die Community hat viel erreicht. Und zwar nicht nur bezogen auf Toleranz gegenüber Homosexuellen, sondern insgesamt für mehr Toleranz gegenüber Menschen mit unterschiedlichen Lebensgestaltungen.

Wie tolerant sind wir? 

Die positiven Veränderungen in den letzten Jahren sind schon ein sehr guter Schritt, aber noch lange nicht so weitreichend, dass man sie nicht ständig wieder verteidigen und einfordern müsste. Wenn sich ein Fussballer als homosexuell outet, ist das immer noch ein grosses Thema. Warum? Weil es immer noch etwas Besonderes ist, die Gesellschaft also offenbar immer noch nicht so tolerant ist, wie wir manchmal glauben. Überspitzt: Wenn irgendwann mal ein Politiker erklärt: «Ich bin heterosexuell und das ist auch gut so», und das Presseecho dann genauso gross ist wie beim Satz «Ich bin schwul und das ist auch gut so», dann können wir uns darauf was einbilden (lacht).

Was bewirkt die Verwandlung in Olivia Jones für Sie? 

Olivia Jones geniesst eine gewisse Narrenfreiheit. Ich kann mir mit ihr einige Dinge erlauben, die sich andere nicht herausnehmen dürften. Das ist aber alles Teil ein und derselben Persönlichkeit, eine meiner vielen Facetten. Meine Persönlichkeit ändert sich dadurch nicht.