Sie bietet in ihrem Studio bei Konolfingen BE Liebesdienste für behinderte Männer an.

Weshalb sind Sie Sexualbegleiterin geworden?
Das ist eine spannende Frage, die ich ganz einfach beantworten kann – mein Beruf ist für mich eine wirkliche Berufung. Ich bin mit ganzem Herzen Sexualbegleiterin und kann bei meiner Tätigkeit mein volles Potential ausschöpfen. Aber der Reihe nach. Ursprünglich komme ich aus dem kaufmännischen Bereich und war nach meiner Familiengründung in der Reittherapie für Behinderte tätig. Während den Ausritten mit meinen Klienten ergaben sich häufig sehr persönliche Gespräche. Auch über Sexualität. Diese Gespräche haben mich nicht mehr losgelassen und ich habe mich mit dem Thema Behinderung und Sex intensiv auseinandergesetzt. Sexualität war für mich seit meiner Jugend nie etwas Fremdes, sondern natürlich und unglaublich bereichernd – eine erweiterte Form der Kommunikation. Diese Bereicherung wollte ich weitergeben.

…und haben dann eine Ausbildung zur Sexualbegleiterin begonnen.
Genau. Mit meiner Ausbildung zur Sexualbegleiterin an der Fachstelle für Behinderung und Sexualität im Jahr 2008 hatte ich die Möglichkeit, mich praxisorientiert und professionell mit den Themen rund um Behinderung und Sexualität auseinanderzusetzen. Die Sexualbegleiterin arbeitet jedoch nur mit Berührungen und Streicheln. Für mich war von Anfang an klar, dass ich den Behinderten auch die Möglichkeit zum Geschlechtsakt bieten möchte.

Wie hat Ihre Familie auf Ihren Wunsch, sich zur Sexualbegleiterin ausbilden zu lassen, reagiert?
Zu dem Zeitpunkt war ich in privater und beruflicher Hinsicht in einem Umbruch. Die Kinder waren aus dem Haus, ich war umgezogen und wollte mit meinem Partner etwas Neues aufbauen. Allerdings habe ich mich lange nicht getraut, meinen Wunsch auszusprechen. Als es dann soweit war, habe ich die volle Unterstützung von meinem Partner und meinen Söhnen bekommen. Auch gesellschaftlich erhalte ich sehr viele positive Rückmeldungen und ernte Respekt für meine Arbeit.

Dabei ist in unserer Gesellschaft Sexualität und Behinderung noch immer ein Tabu.
In der Tat. Wir sprechen behinderten Menschen Sexualität ab. Dabei haben sie dieselben Sehnsüchte, Träume und Wünsche wie wir auch – insbesondere in sexueller Hinsicht. Unterdrückte Sexualität kann zu einem grossen Leidensdruck führen. Aus einem befriedigten Sexualleben können wir hingegen viel positives Potential schöpfen. Und eine gelebte Sexualität führt zu mehr Selbstbestimmtheit.

Wer kommt zu Ihnen?
Meine Dienstleistung können alle in Anspruch nehmen, die sich in ihrer Sexualität eingeschränkt fühlen. Also Menschen mit psychisch und/oder physisch eingeschränkten Möglichkeiten. Zu meinen Klienten gehören Männer mit Erektionsproblemen genauso wie Demenzkranke oder Querschnittsgelähmte. Den normalen Puffgänger hingegen weise ich klar zurück. Rund 40 Prozent der Anfragen kommen von nicht behinderten Menschen.

Wie läuft ein Date mit Ihnen konkret ab?
Als erstes und Wichtigstes checke ich ab, ob sich hinter einer Anfrage auch wirklich jemand mit einer physischen oder psychischen Einschränkung verbirgt. Dazu habe ich ein spezifisches Mailverfahren entwickelt. Kommt es dann zu einem ersten Date, wird geflirtet und man lernt sich kennen. Hier ist von meiner Seite her viel Feingefühl gefordert, um herauszufinden, in welche Richtung die Begegnung gehen soll. Ich gehe auf die Suche nach sexuellem Potenzial meiner Klienten. Einen wichtigen Teil meiner Arbeit sehe ich auch darin, den Behinderten einen Zugang zu ihrem Körper zu schaffen. Dazu gehören auch die Körperhygiene und die Erkenntnis, dass es Spass macht, zu seinem Körper zu schauen. Wie weit die sexuelle Begegnung am Ende geht, lasse ich offen. Sex bedeutet für mich jede Art von körperlicher Berührung, natürlich kann es am Ende auch zum Geschlechtsverkehr kommen.

Wie schaffen Sie es, die Grenze zu Ihren Kunden zu bewahren?
Die Grenze ist ganz wichtig und wird von Anfang an deutlich gemacht. Etwa indem die Übergabe des vereinbarten Betrags vor dem Date gemacht wird. Damit signalisiere ich, dass es sich um eine Dienstleistung handelt. Ich muss mich innerlich von meinem Klienten abgrenzen und dennoch offen bleiben. Ein Spagat, bei dem mir sicherlich meine Lebenserfahrung und Reife hilft. Nach dem Date räume ich auf, wasche die Wäsche und nehme so Abschied von meinem Gast. Es kann vorkommen, dass sich ein Klient in mich verliebt – hier muss ich darauf eingehen, darüber sprechen und dann gemeinsam mit ihm einen Weg finden, wie er damit umgehen kann.

Empfinden Sie bei der Arbeit mit Ihren Kunden auch Lust und Befriedigung?
Für mich ist meine Tätigkeit eine Dienstleistung wie jede andere auch und ich investiere viel Herzblut in meine Arbeit. Meine eigene Lust steht aber sicherlich nicht im Vordergrund und meine Befriedigung liegt darin, dass ich einem behinderten Mann seine Männlichkeit zurückgeben kann. Oder eine Frau da­rin anleiten kann, ihren Körper zu entdecken.