Sie gaffen alle nur, die Pariser. Gaffen den Mann an, der bewusstlos auf dem Trottoir liegt. Sie gaffen auch noch, als er wieder zu sich kommt und regungslos nach Hilfe ruft. Man möge ihn doch bitte zurück in den Rollstuhl setzen. Doch sie gaffen nur. Machen einen weiten Bogen um den Behinderten und gehen weiter. Erst die alarmierte Feuerwehr hievt ihn zurück in den Rollstuhl. «Ich war schockiert darüber, wie sich die Leute das Spektakel des hilflosen Querschnittgelähmten auf der Strasse ansahen», erzählt Philippe Pozzo di Borgo. «Mitten in Paris. Keiner half mir.» Eine Begebenheit, die ihm heute so nicht mehr passieren könnte. Heute ist er ein Star. Starr im Rollstuhl, aber ein Star. Kino sei dank.

 

Nur Titanic war erfolgreicher
Lustig und berührend zugleich. Komödie und Drama in einem. «Intouchables – ziemlich beste Freunde» ist der unbestrittene Kinohit des letzten Jahres. Weltweit strömten über fünfzig Millionen Menschen in die Kinosäle, um sich den Film der Regisseure Olivier Nakache und Éric Toledano anzusehen. Fast 450 Millionen Franken spielte der Streifen ein. In der Schweiz ist er mit 1,4 Millionen Besuchern der zweitmeistgesehene Film aller Zeiten. Nur Titanic (1,9 Mio.) war erfolgreicher. Der arbeitslose, kriminelle Driss wird von Baron Philippe als Krankenpfleger angestellt. Driss ist gebürtiger Senegalese, in Paris ist er in einem Vorstadtquartier zu Hause und eben erst wurde aus dem Gefängnis entlassen. Philippe hingegen ist ein steinreicher Mann mit luxuriösem Anwesen. Wegen der Lähmung ist er aber Driss ausgeliefert. Die abenteuerliche Raserfahrt im Maserati durch die Pariser Nacht – der Beginn einer wundersamen Freundschaft.

«Trotz meiner Lähmung spielen mir meine abwesenden Sinne noch Streiche.»
 

Gelähmt und depressiv
Hinter der Komödie steckt eine wahre Geschichte. Wer ist der echte Philippe? Der heute 62-jährige Philippe Pozzo di Borgo wächst in adligem Umfeld auf, heiratet seine Béatrice und wird Chef des Champagnerhauses Pommery. Doch dann erkrankt seine Frau an Krebs und er selbst überlebt im Juni 1993 einen Gleitschirmunfall schwer verletzt – mit 42 Jahren ist er querschnittgelähmt. Vom Hals abwärts spürt er nichts mehr ausser brennenden Schmerzen. Drei Jahre später erliegt seine Frau dem Krebsleiden. Pozzo di Borgo verfällt in eine tiefe Depression. Er fühlt sich schuldig, weil er seiner Béatrice nicht helfen konnte. Die witzige, kumpelhafte Art seines neuen Pflegers – Driss heisst in Wirklichkeit Abdel und ist Algerier – haucht ihm neue Lebensfreude ein. Den Kampf für die Inklusion der Behinderten in unsere Gesellschaft, also für das absolute Zusammenleben, hat sich Pozzo di Borgo zur neuen Aufgabe gemacht.

 

Monsieur Pozzo di Borgo, Sie gelten als humorvoller Mensch. Sind Behindertenwitze okay?
Der Humor ist eine Waffe zum Verführen und zum guten Zusammenleben. Er ist lebenswichtig für Behinderte. Sogenannt gesunden Menschen würde Humor helfen, kleine Makel nicht immer zu ernst zu nehmen. Humor ist toll, Witze gehören dazu. Aber bitte immer mit Respekt. Ein Witz-Beispiel gefällig?

 

Schiessen Sie los!
Wo findet man einen Querschnittgelähmten? Na dort, wo man ihn liegen gelassen hat.

 

Sie haben Humor.
Wenn mir jemand sagt «nicht bewegen!», antworte ich immer: «Versprochen!»

 

Sind Sie sich bewusst, dass Sie ein Held, eine Ikone sind?
Ich weiss, dass die heutige Gesellschaft ständig nach Helden sucht. Ich fühle mich aber viel mehr als Zeuge denn als Held. Diese plötzliche Bekanntheit auf der Strasse verpflichtet mich.

 

Sie möchten also, dass Behinderte nicht nur integriert werden, sodass sie in unserer Mitte leben, sondern, dass Behinderte total durchmischt mit den gesunden Menschen leben. Wie soll das funktionieren?
Wenn die Welt realisiert, dass Zer brechlichkeit und Ungleichheit zu unserer Existenz gehören, dann kann das klappen. Die gänzliche Inklusion ist mein grosser Traum. Wichtig ist aber erst mal, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

 

In Zürich wird es noch Jahre dauern, bis alle öffentlichen Verkehrsmittel behindertengerecht ausgestattet sind. Ist das Engagement der Politik gross genug?
Sicher nicht. In Zeiten der Finanzkrise haben andere Dinge Priorität. Dabei ist unsere Finanzkrise eigentlich eine Moralkrise. Die Leute haben den Sinn des Lebens vergessen. Die Inklusion von Andersartigen und Behinderten wäre die günstigste Politik, um unsere Gesellschaft wieder auf einen sinnvollen Weg zu bringen.

 

Wie können gesunde Menschen diese Verwundbarkeit so entdecken wie einer, der querschnittgelähmt ist?
Dafür braucht man leider oft einen Verwandten, der sehr krank ist oder einen Freund, der im Sterben liegt. Erst da werden sich die sogenannten gesunden Menschen bewusst, wie endlich und zerbrechlich wir alle sind.

 

Wie oft trauern Sie Ihrer Vergangenheit nach?
Nie. Sonst wäre ich jetzt nicht hier. Ich wünsche mir die Zeit nicht zurück. Ich bin glücklich mit dem, was ich habe.

 

Aber bis zum Unfall waren Sie ein erfolgreicher Geschäftsmann.
Ja, aber ich habe früher viel Zeit sinnlos verschwendet. Heute lebe ich. Mit Begegnungen, mit Zuhören, mit Stillsein.

 

Was stimmt Sie traurig? Was erfreut Sie?
Das nervliche Leiden bedrückt mich am meisten. Es nervt im wahrsten Sinne des Wortes. Glücklich macht mich, dass ich entdeckt habe, das Hier und Jetzt zu schätzen.

 

Im Alter von 42 Jahren haben Sie Ihre Sexualität verloren. Fehlen Ihnen diese Erlebnisse und Emotionen?
Die Sexualität hat einer viel reichhaltigeren, vielfältigeren Wahrnehmung Platz gemacht. Ich kann heute Intimitäten auf andere Weise still geniessen. Ich teile diese Sinnlichkeit mit meiner Frau und habe so mein Vergnügen.

 

Sie möchten, dass Frauen Sie umarmen und Männer Ihnen die Hand schütteln, um die imaginäre Wand zwischen gesunden Menschen und Behinderten aufzubrechen. Schmerzt es Sie dann nicht psychisch umso mehr, dass sie diese Berührungen am Körper gar nicht spüren?
Sicher ist der Verlust von Bewegung und Gefühl das, was mich am meisten traumatisiert hat. Ich kompensiere dieses Fehlen durch andere Arten der Kommunikation: Der Blick, das Sprechen, das Zuhören, das Gesicht.

 

Was halten Sie eigentlich vom Film «Intouchables»?
Er erzählt die Geschichte zweier zerbrechlicher Wesen. Einer ist phsysisch zerbrechlich, der andere sozial. Weil sich beide aufeinander einlassen, finden sie wieder einen Sinn im Leben. Der Film ist grossartig. Mal humorvoll, mal emotional. Er ist so nah an unserem echten Leben.

 

Von Marokko nach Frankreich
Heute lebe ich, betont Philippe Pozzo di Borgo. Seine Worte wirken nicht phrasenhaft. Seit zwei Jahren reist er regelmässig von seinem Wohnort an der marokkanischen Atlantikküste nach Europa und bestreitet Aktivitäten in der öffentlichkeit, um das Zusammenleben der Behinderten mit den sogenannt gesunden Menschen zu fördern. Damit künftig nicht mehr die Feuerwehr ausrücken muss, wenn in Paris ein Querschnittgelähmter am Boden um Hilfe bittet.



TIPP
Ziemlich beste Freunde
 
Der Film, der das Schicksal des querschnittgelähmten Philippe Pozzo di Borgo weltberühmt machte, basiert auf dem Buch «Ziemlich beste Freunde». Allerdings zeigt der Film nur einen Ausschnitt der Geschichte. Das Buch hingegen geht tiefer und ist reicher. Es verzichtet auf Schönfärberei und Sentimentalitäten. Der bewegende autobiografische Bericht ist nicht wie der Film eine Komödie. Das Buch erzählt vom schönen Leben des Pommery-Geschäftsführers auf der überholspur. Vom jähen Gleitschirm-Unfall. Von der an Krebs erkrankten Frau, die schon mehrere Fehlgeburten erlitten hat. Von Depressionen und Schuldgefühlen. Und vom Aufrappeln aus den tiefen Abgründen des Lebens.

Ziemlich verletzlich, ziemlich stark
 
Auf seiner Mission für eine Welt, in der behinderte Menschen mit sogenannt gesunden Menschen gleichgestellt sind und gemeinsam leben, fordert Philippe Pozzo di Borgo mit seinen Co-Autoren die Welt zu mehr Brüderlichkeit auf. Mit der Inklusion der Behinderten in unsere Gesellschaft würde es uns allen besser gehen. Ein eindrücklicher Appell in einer Welt, in der es nur um Fitness und Leistung geht. Gerade in unserer individuellen Verletzlichkeit liege die Chance, einen unverhofften Reichtum zu entdecken. Würden wir vermehrt auf unsere Mitmenschen achten, würde die Gesellschaft wieder gerechter werden. Auf warme und kluge Weise will uns das Buch aufrütteln. Die deutsche Ausgabe wird von einem Interview mit Pozzo di Borgo eingeleitet.



Benny Epstein
redaktion.ch@mediaplanet.com

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Nützliche Links:
Arte - mit Leib und Seele
ZDF - Ziemliche beste Freunde