Frau Schmid, unnötiges akutes und chronisches Leiden als Folge einer ungenügenden Schmerztherapie ist nach wie vor weitverbreitet. Fachleute plädieren dafür, beim Schmerzmanagement konsequent auf die interprofessionelle Zusammenarbeit zu setzen.

Warum ist das so wichtig und kann damit die Lebensqualität der betroffenen Patienten nachhaltig verbessert werden?

Ja, auf jeden Fall. Nehmen wir dazu ein Beispiel: Ein Spaziergänger knickt im Wald wegen einer Wurzel seinen Fuss um. Sofort stellen sich Schmerz und eine Schwellung ein.

Die biologische, also körperliche Schmerzursache scheint klar. Die seitlichen Bänder wurden überdehnt, eventuell sind Anteile davon gerissen, oder es gab eine knöcherne Verletzung. Zusätzlich wurden lokale Blutgefässe verletzt und es kommt zu einem Bluterguss.

Die Ursache für den Schmerz ist einfach erklärbar und nachvollziehbar. Das Spannende ist nun aber der Verlauf.


Die Heilung kann individuell sehr variieren und die entscheidende Weichenstellung passiert ganz am Anfang des Schmerzgeschehens.
 

Wie meinen Sie das?

Es geht hier nicht nur um körperliche Voraussetzungen, wie die Heilung abläuft, sondern auch um psychologische und soziale Einflussfaktoren. Mit dem Biopsychosozialen Modell wird beschrieben, dass der Mensch eine untrennbare Einheit von biologischen, sozialen und psychologischen Wirkfaktoren bildet. Der Schmerz biologischer Natur wäre in unserem Beispiel die Verletzung der Bandstrukturen und lokaler Blutgefässe.

Dieser Schmerz kann aber nie ganz unabhängig von unserer Psyche betrachtet werden. Das heisst, unsere Einstellung, unsere Erfahrungen und Emotionen beeinflussen den Schmerz ganz unterschiedlich. Ebenso spielen soziale Faktoren eine Rolle.

Wie sieht meine aktuelle Arbeitssituation aus? Wie bin ich familiär eingebettet? Oder wo stehe ich finanziell? All dies kann nicht isoliert betrachtet werden und beeinflusst von Anfang an den Verlauf eines schmerzhaften Ereignisses.

Kommen wir zurück zu Ihrem Beispiel. Was spielt hier alles eine Rolle?

Hat die betroffene Person gute körperliche Voraussetzungen, kennt sie eine solche Verletzung vielleicht bereits von einem früheren, gut verheilten Ereignis, ist sie in ihrem Job glücklich und weiss, dass ihre Familie sie unterstützen wird: Dann verläuft die Wundheilung nicht gleich, wie wenn dieser Spaziergänger neben der aktuellen Verletzung noch eine chronische Muskelerkrankung hat, bereits vor einem Jahr ein ähnliches Trauma erlitten hat, welches bis heute nicht vollständig abgeheilt ist, gerade seinen Job verloren und eine schwer pflegebedürftige Partnerin hat.

An diesem Beispiel sehen Sie, dass das Schmerzempfinden und der Verlauf nach einem Ereignis von vielen Einflussfaktoren begünstigt oder benachteiligt werden kann.

Hier kommt also das interprofessionelle Schmerzmanagement ins Spiel.

Genau. Wir haben in unserem Gesundheitswesen für alle diese biopsychosozialen Bereiche Fachexpertinnen und Fachexperten. Ein Hausarzt ist Fachperson im biologischen Bereich, eine Psychologin ist Fachexpertin in psychologischen Belangen, der Sozialarbeiter kennt sich hervorragend aus in sozialen und finanziellen Fragen und wir Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten sind Fachexperten für Bewegung und Funktionsfähigkeitsverbesserung.

Wenn wir nun verstehen, wie vielseitig der Schmerz ist, und begreifen, dass keine Fachperson aus dem Gesundheitswesen alle Faktoren gleich gut abdecken kann, erübrigt es sich zu erwähnen, wie wichtig das Zusammenspiel der einzelnen Professionen ist. Das bedeutet nicht, dass immer gleich alle Professionen bei der Schmerztherapie beteiligt sein müssen. Aber die erstbehandelnde Person sollte möglichst eine Diagnostik durchführen, bei welcher die biopsychosozialen Aspekte gleichermassen erfasst werden und so eine individuelle Therapie über alle nötigen Professionen verteilt gestartet werden kann.

Je rascher bei einem akuten Schmerzgeschehen die richtige Behandlung ergriffen werden kann, desto geringer ist die Gefahr, dass es zu einem chronischen Verlauf kommt. Chronisch bedeutet immer viel mehr körperliches und seelisches Leiden für die betroffene Person, höhere Gesundheitskosten und auch volkswirtschaftliche Folgen bei Arbeitsausfall oder allfälliger Invalidenberentung.

Zudem ist eine Rückkehr zur Ausgangssituation viel aufwendiger, als wenn von Beginn weg die richtige Schmerztherapie in die Wege geleitet werden kann.

Welche Voraussetzungen braucht es für diesen Behandlungsansatz?

Es braucht auf unserer Seite eine gedankliche Öffnung, damit wir interprofessionell zusammenarbeiten können. Wenn wir dies schaffen, profitieren wir alle voneinander und optimieren so die Schmerztherapiemöglichkeiten als Ganzes, so wie wir auch den Menschen als Ganzes wahrnehmen und nicht nur seine Körperstrukturen oder seelischen Voraussetzungen.

Damit werden viele Betroffene nachhaltig davon profitieren und weiter aktiv am Leben teilhaben können. Und: Unser Spaziergänger wird auch zukünftig wieder im Wald unterwegs sein.

Welche Ziele verfolgen Sie mit der Weiterbildung im interprofessionellen Schmerzmanagement und wie erreichen Sie diese?

In unserem Weiterbildungslehrgang MAS Interprofessionelles Schmerzmanagement verfolgen wir verschiedene klinische, interprofessionelle und wissenschaftliche Ziele. Unter anderem werden Kenntnisse bezüglich Diagnostik und Behandlung erweitert, die eigene Berufsrolle wird gestärkt und die der anderen Professionen besser erkannt. Dies geschieht unter Einbezug relevanter Forschungsergebnisse aus verschiedensten Professionen.

Für die Erreichung der Ziele ist jede Absolventin und jeder Absolvent selber verantwortlich, wir bieten lediglich den idealen Lernrahmen und gestalten diesen so, dass alle Beteiligten sich weiterentwickeln können, egal wo sie zu Beginn stehen. Die anvisierten Ziele in der Schmerzlinderung erreichen wir jedoch auch als interprofessionelles Team nur unter Einbezug der Betroffenen.

Es ist wichtig, die betroffene Person selber als Expertin beziehungsweise Experten für den individuellen Schmerz in die Behandlungsplanung partnerschaftlich einzubeziehen. Keine aussenstehende Person kennt die betroffene Person so gut wie sie sich selber, das sollten wir nie vergessen.

Inwiefern liegt die Weiterbildung zur Schmerzexpertin und zum Schmerzexperten in der Verantwortung jedes Berufsangehörigen im Gesundheitsbereich?

Grundsätzlich wird in der Ausbildung aller Gesundheitsberufe ein fundiertes Basiswissen zur Schmerzentstehung, Schmerzverarbeitung und zur Schmerztherapie vermittelt. Wie ich bereits anfangs erläutert habe, ist «Schmerz» sehr vielseitig und begleitet jede Gesundheitsfachperson im Berufsalltag.

Deshalb ist bei allen beteiligten Professionen ein lebenslanges Lernen wichtig, um Wissen zu erweitern und zu erneuern.

 

Nur durch stetige Weiterentwicklung können wir kompetent Schmerzbetroffene begleiten und dabei auch unsere Freude am Beruf beibehalten.
 

Wer bei der Behandlung von Schmerzpatientinnen und Schmerzpatienten nicht weiterkommt und frustriert ist, sollte eine Weiterbildung im Schmerzmanagement anstreben. Dies eröffnet ganz neue Herangehensweisen, unterstützt die Betroffenen und fördert damit auch die eigene Arbeitszufriedenheit.

Ihr Wunsch für das zukünftige Schmerzmanagement?

Ich wünsche mir, dass wir die hierarchische Herangehensweise in der Schmerzbehandlung überwinden, alle Professionen als gleich wichtig anerkennen und jede betroffene Person als wichtigste Expertin oder wichtigsten Experten für das individuelle Schmerzempfinden integrieren können.