Frau Isenschmid, wie viele Schweizer Kinder und Jugendliche sind von Übergewicht und Adipositas betroffen?

Zuerst einmal muss man zwischen Übergewicht und Adipositas unterscheiden. Bei Kindern wird dies mit einer Perzentile berechnet. Ab der 90. bis zur 97. Perzentile gilt ein Kind als übergewichtig, alles was darüber ist, bezeichnet man als adipös. In der Schweiz ist etwa jedes fünfte Kind oder Jugendliche übergewichtig, etwa jedes 18 bis 20. Kind leidet unter Adipositas. Diese Zahlen sind seit einiger Zeit stabil

Welches sind häufige Gründe für Übergewicht und Adipositas?

Zum einen spielt die genetische Disposition eine zentrale Rolle, zum anderen das Essverhalten. Häufig nehmen die Betroffenen mehr Energie zu sich als sie verbrauchen. Kinder aus bildungsfernen Familien mit Migrationshintergrund haben ein deutlich höheres Risiko, übergewichtig oder gar adipös zu werden.

Die gesundheitlichen Auswirkungen von Übergewicht und Adipositas sind massiv. Welche Folgeerkrankungen können auftreten?

Wir behandeln heute schon Kinder und Jugendliche mit Folgeerkrankungen, die man früher nur bei Erwachsenen sah. Dazu gehören Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung, Fehlstellungen der Gelenke, Verfettung der Leber sowie Diabetes Typ zwei. Viele dieser Schäden können nur schwer rückgängig gemacht werden. Ebenso sind psychosoziale Folgeerkrankungen wie Depressionen, Ängste, sozialer Rückzug oder Essstörungen verbreitet.

Kinder und Jugendliche stehen heute unter einem enormen Druck: Einerseits haben sie Nahrung im Überfluss, andererseits wird auf den sozialen Medien ein Schönheitsideal beworben, das schlank und trainiert sein muss. Wie gehen Kinder und Jugendliche damit um?

Genau diese Situation bringt ein enormes Spannungsfeld mit sich. Vor allem für Jugendliche ist es schwierig, sich darin zurechtzufinden. Den eigenen Körper so anzunehmen wie er ist, ist heute schwieriger denn je. Nicht selten reagieren Kinder und Jugendliche mit Essstörungen und/oder problematischem Sporttreiben.

Gleichzeitig hat sich unsere Umgebung stark verändert, von den Kindern und Jugendlichen wird Stillsitzen und Ruhe verlangt. Man sollte die Bewegungsfreude der Kinder unbedingt unterstützen und zum Beispiel am Wochenende als Familie die Freizeit aktiv draussen gestalten. Auch das gemeinsame Essen und der bewusste Umgang mit Ernährung tragen zur Prävention von Übergewicht und Adipositas bei.