Arztbesuche bei Patienten zu Haus werden selbst auf dem Land langsam zu einer Seltenheit. Was bedeutet das für Spitex-Mitarbeitende?

Marianne Pfister, Geschäftsführerin Spitex Schweiz (Dachverband der Nonprofit-Spitexorganisationen): Professionelle Pflege und Betreuung zu Hause sind das Kerngeschäft der Spitex.

Dazu gehört auch die laufende Koordination mit anderen Leistungserbringern wie Hausärzten, Heimen, Spitälern und Apotheken. Zudem bietet die Spitex immer mehr 24-Stunden-Notfalldienste an, damit sie Klienten mit pflegerischen Notfällen betreuen kann.

Und sie arbeitet nach dem Grundsatz der Hilfe zur Selbsthilfe, leitet Klientinnen und Klienten dazu an, gewisse Tätigkeiten wenn immer möglich selber zu erledigen.

Ein grosses Thema in diesem Zusammenhang ist die patientenzentrierte Versorgung. Patienten/Patientinnen sollen sich zu Hause dank neuer technischer Möglichkeiten selber besser versorgen können. Hat diese Entwicklung einen entlastenden Einfluss auf die Tätigkeit des Spitexpersonals?

Die modernen technischen Möglichkeiten und Hilfsmittel können die Spitex-Fachpersonen zum Teil entlasten, aber sie ersetzen den persönlichen Kontakt nicht, der für das Wohlbefinden des Klienten sehr wichtig ist.

Aufgrund der demografischen Alterung ist in Zukunft mit einer deutlichen Zunahme an chronisch Kranken und Mehrfacherkrankungen zu rechnen. Wie reagiert die Spitex auf diese Herausforderungen?

Weil immer mehr ältere Menschen so lange wie möglich zu Hause leben möchten und die Anzahl der älteren Menschen in der Schweiz steigt, nehmen die durch die Spitex erbrachten Leistungsstunden jährlich zu.

Weil zudem die Spitalaufenthaltsdauer immer kürzer wird und insbesondere ältere Menschen häufig mehrfach erkrankt sind, ist die Spitex zunehmend mit komplexeren und anspruchsvolleren Pflegesituationen konfrontiert.

Immer mehr Spitex-Organisationen bieten deshalb Spezialdienstleistungen wie Palliativ-Pflege, Onkologie-Pflege, Psychiatrie-Spitex und Kinderspitex an.

Im Ausland gibt es Chronic-Care-Modelle, die gezielt auf die Bedürfnisse von chronisch Kranken zugerichtet sind. Sind solche neuen Versorgungs-Modelle auch ein Thema in der Schweiz?

Die Pflege und Betreuung von chronisch Kranken gehört zu den alltäglichen Aufgaben der Spitex. In Zukunft soll je nach Situation der Klientin/des Klienten diejenige Fachperson den «Lead» in der Koordination des «Falles» übernehmen, die dafür fachlich am besten geeignet ist (situativer Leadership).

Das muss nicht immer der Hausarzt, sondern kann eine Advanced Practice Nurse (Pflegeexpertin) oder diplomierte Pflegefachperson der Spitex sein.

In den Spitälern laufen Pflegepersonal oder Therapeuten immer häufiger mit dem Laptop herum. Rückt auch für das Spitex-Personal bei ihrer Arbeit eine solche elektronische Zukunft immer mehr in Reichweite?

Die meisten Organisationen der Nonprofit-Spitex haben auf elektronische Dokumentation umgestellt, oder die Umstellung steht unmittelbar bevor. Auch die elektronische Pflegeplanung ist abrufbar.

Auf diese Weise ist jede Mitarbeiterin auf dem aktuellsten Informationsstand, was ihre Klienten betrifft. Die meisten Spitex-Mitarbeitenden sind mit Tablet oder Smartphone ausgerüstet. Sie erfassen darauf ihre Weg- und Arbeitszeiten sowie medizinische oder soziale Auffälligkeiten, die sie bei ihren Klienten feststellen.

Die digitalen Geräte tragen dazu bei, dass die Spitex effizient und kostengünstig arbeitet.

Was bedeuten all diese Änderungen in den Versorgungsaufträgen ganz generell für die Aus- und Weiterbildung des Spitex-Personals?

Zu den Skills der integrierten Versorgung gehören unter anderem Beratungs- und digitale Kompetenz. Darin müssen Spitex-Fachpersonen in Zukunft noch stärker geschult werden.