Warum fühlt der Mensch Scham und Peinlichkeit?
Das ist eine grosse, letztlich offene Frage. Der Soziologe Norbert Elias hat in den 1930er Jahren sein immer noch verbreitetes Modell eines Zivilisationsprozesses entwickelt, demzufolge die Menschen in der Moderne immer höhere Scham- und Peinlichkeitsschwellen entwickelt haben. Vor rund zwanzig Jahren hat der Kulturhistoriker Hans Peter Duerr dagegengehalten, dass, kurz gesagt, Scham und Peinlichkeit in allen Kulturen und Epochen verbreitet sind. Der Zivilisationsprozess sei ein Mythos. Das lässt erahnen, wie kompliziert die Sache ist.

Fühlen die Menschen bei ­medizinischen Problemen und Krankheiten speziell stark Scham?
Eindeutig.

Weshalb?
Krankheiten sind in der Regel sehr eng mit unserem Körper verbunden. Scham und Peinlichkeit auch: etwa mit Körperausscheidungen, oder unserer Sexualität, also auch Reinlichkeitsvorstellungen oder Intimität. Deshalb sprechen wir ungern darüber, wenn wir zum Beispiel an Hämorrhoiden oder Inkontinenz leiden. Ein anderer Zusammenhang zwischen Krankheit und Scham dürfte unsere Rolle in der Gesellschaft sein. Etwa wenn man an Depressionen leidet. Das bedeutet für die Betroffenen oft das Gefühl, nicht «normal» in unserer Gesellschaft zu funktionieren. Ich erinnere nur an den Suizid des ehemaligen deutschen National-Goalies Robert Enke.

Bei welchen weiteren ­Krankheiten ist es speziell stark ­­ausgeprägt?
Neben den genannten ist Krebs eine Krankheit, über die die Betroffenen bis heute nicht so leicht sprechen. Das dürfte – auch aufgrund der Geschichte – mit der undurchsichtigen, möglicherweise tödlichen Bedrohlichkeit der Krankheit speziell für den einzelnen Erkrankten zusammenhängen, die Angst macht und verunsichert. Krebsligen, Selbsthilfegruppen oder heute das Internet haben­ viele Möglichkeiten eröffnet, damit aktiv umzugehen.

Was hat sich in den ver­gangenen Jahren verändert?
Oft heisst es, es gebe keine Tabus mehr. Krebs ist heute viel weniger ein Tabu als vor fünfzig Jahren, wo sich, wie etwa in Bern, Beratungsstellen den Patienten zuliebe tarnen mussten. Gesellschaftliche Tabus gibt es aber immer. Wenn Sie heute auf der Strasse den Hitlergruss zeigen oder einer feministischen Bekannten sagen, ihr würde ein Playboy-Bunnykleid auch einmal gut stehen, dann lernen Sie durch die Folgen, dass jede Gesellschaft Tabus und Regeln besitzt, über die man spricht oder besser schweigt.
Andererseits glaube ich doch, dass wir heute in einer Zeit leben, die mit ihren vielfältigen möglichen Kulturen und Lebensentwürfen und dem Internet mehr Offenheit bietet. Die Luft wird dünner für Tabus. Etwa in der Sexualität. Dafür wird die Ernährung oder das Rauchen heute mehr moralisiert. Gleichzeitig wird mit Tabus heute aktiver gespielt.

Wie sind die Schweizer im ­Umgang mit Scham?
Ich gehe davon aus, dass eine Gesellschaft, die leidenschaftlich über «Verrichtungsboxen» und «Hundeversäuberung» debattieren kann, nicht zuletzt in der Zwingli-Stadt, hohe Peinlichkeits- und Schamschwellen hat. Eine Nation, für die der Respekt vor dem Anderen ein hoher Wert ist und in der ein Bundesrat politischen Kredit gewinnt, wenn er eine Träne wegdrücken muss, dürfte aber die Grundlagen besitzen, Probleme im Zusammenhang mit Tabus mit der ihr eigenen Empathie zu lösen.

Wie kann man das eigene Schamgefühl überwinden?
Ich frage zurück: Warum soll man alle Schamgefühle überwinden? Muss man nackt über den Paradeplatz laufen können? Muss ich anderen von meinem Fusspilz erzählen können? Lange Zeit taten HIV-Patienten wohl gut daran, ihre Krankheit nicht an die grosse Glocke zu hängen. Aber auf Ihre Frage: Aus meiner eigenen Erfahrung habe ich das Gefühl, dass es mit innerer Stärke zu tun hat. Wenn das Peinlichkeitsgefühl stärker ist als ich, plagt mich die Angst davor, Mundgeruch zu haben, länger. Wenn ich stark bin, kann ich die Situation aktiv in die Hand nehmen und die Peinlichkeit entweder gekonnt kaschieren oder etwa mit einem Witz schnell auflösen. Oder den anderen fragen: Was war der peinlichste Moment Ihres Lebens? Dann ist das Thema auf dem Tisch und das Problem nur noch halb so gross. Aber das ist einfacher gesagt als getan. Ich selbst sollte auch mal wieder zum Arzt gehen.