Leistungssteigerung im Sport beruhte lange Zeit allein auf Training. In den vergangenen Jahren wurden andere Faktoren entdeckt, insbesondere die Ernährung. Was für Spitzenathleten gut ist, ist nicht unbedingt optimal für die Gesellschaft. Sportlernahrung ist eine Wissenschaft. Da geht es nicht um Gemüse oder Fleisch, sondern um Kohlenhydrate und Eiweisse, Mineralstoffe und Vitamine. Der Geschmack ist Nebensache, was zählt sind Kalorien und Nährwerte, exakt berechnet und schön aufgelistet in Tabellen und Kolonnen. Essen ist messen. Auf den Etiketten der Büchsen und Dosen prangen eindrückliche Namen wie «Optimum Nutrition», «Olimp Pump Express» oder «Body Attack». Man wirft Kapseln und Pulver ein, schüttet Shakes in den Rachen und kaut Power-Snacks.

Und wozu das alles? Um fit zu sein. Fit für den täglichen Kampf.

Essen heisst nicht mehr Essen, sondern Power-Food. Man hat nicht mehr einen Körper, sondern einen Body. Und es scheint, als ob dieser Body keinem anderen Zweck zu dienen habe, als einen anderen Body zu bodigen. Das Gegenbild dazu sind die hyperschlanken Models, die über die Laufstege wandeln und in Castingshows auf den grossen Durchbruch hoffen. Auch sie brauchen ihren Body, um die Konkurrenz auszustechen. Ob aufgepumpt oder abgemagert: In beiden Fällen wird der Körper wie ein Werkzeug behandelt, das einem bestimmten Zweck zu dienen hat. Und das Essen wird zur mechanischen Verrichtung, die nur dazu dient, den Körper energetisch aufzuladen.

«I am big. You are small. Have a nice day! – Ich bin gross, du bist klein, hab einen schönen Tag!»

Ein Merksatz aus dem Motivationstraining für Bodybuilder. Sehr freundlich klingt das nicht, ausser vielleicht aus dem Mund eines Bodyguards, der ja die explizite Aufgabe hat, Menschen auf Distanz zu halten. Da mag das Lächeln, hinter dem sich eine Drohgebärde versteckt, eine berufsbedingte Form der Höflichkeit sein. Aber im normalen Alltag sollte eigentlich der Umgangston etwas entspannter sein.

Stress ist Anspannung aus dem permanenten Gefühl des Ungenügens

Umfragen zeigen, dass 42 Prozent der Berufstätigen bei der Arbeit unter einer hohen psychischen Belastung stehen. Der Stress beeinträchtigt ihre Leistungsfähigkeit oder macht sie gar arbeitsunfähig. Doch nicht nur in der Arbeitswelt herrscht Stress. Man spricht auch vom Freizeitstress. Volle Terminkalender, Leistungsdruck auch bei Freizeitbeschäftigungen und fehlende Erholungspausen führen in eine Aktionsspirale, bei der Leistungsfähigkeit in plötzliche Erschöpfung umschlagen kann. Fitness mag helfen, Stress besser zu ertragen. Aber solange in der Fitness der Gedanke der Konkurrenz angelegt ist, trägt sie wenig zu einer entspannteren Lebensweise bei. Da helfen weder Vitaminpillen noch Klimmzüge. Cinderella bekommt im Film von ihrer Mutter den Ratschlag auf den Weg: «Sei mutig und freundlich!»

Freundlichkeit siegt

Das mag naiv klingen: Aber Freundlichkeit ist letztlich erfolgreicher als beinharte Konkurrenz. Das zeigen Versuche aus der Spieltheorie. Warum sich nicht auch bei Ernährungsfragen von der Freundlichkeit leiten lassen? Diskussionen über gesundes Essen beschränken sich ja in der Regel auf zwei Themen: Entweder werden sie rein technisch geführt (mit Nährwerttabellen, usw.) oder aber sie münden stracks in eine Moraldebatte. Beides kann einem sauer aufstossen. Denn weder Zahlentürmerei noch Moralisieren wird dem Essen als kulturelle Leistung gerecht. Denn Essen war seit jeher ein gesellschaftlicher Anlass, bei dem es nicht nur darum ging, satt zu werden, sondern auch darum, seinen Mitmenschen zu begegnen.