Was ist für Sie Humor, Marcel Briand?

Oh, kein einfacher Einstieg in ein Gespräch, auch für mich als Clown nicht. Humor ist nicht primär Lachen und schon gar nicht Grinsen. Vielmehr ist es für mich die effizienteste Lösung, mich mit mir und meiner Unzulänglichkeit zu versöhnen.

Es hilft mir, mich weniger wichtig zu nehmen. Wenn es mir gelingt, ein belastetes Thema mit etwas Humor erträglicher zu machen, ist doch schon sehr viel erreicht.

Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Ich hasse es, im Stau zu stehen, das macht mich echt verrückt. Um diese belastende Situation für mich erträglich zu machen, habe ich im Auto einen Stau-Rüssel, den ich dann über die Nase ziehe.

Die Reaktionen aus den Autos nebenan, egal wie sie ausfallen, lassen mich die Situation viel gelassener erleben. Mit Humor nehme ich den Ernst aus einem schwierigen Moment.

Sie haben den Humor zu Ihrem Beruf gemacht. Wie kam das?

Ich hatte sicher nie die Absicht, Clown zu werden. Vielmehr machte ich eine Ausbildung zum dipl. Pflegefachmann in der Psychiatrie und war lange Jahre als Stationsleiter in diesem Beruf tätig.

Aus Jux haben wir uns einmal in einer Pause die roten Schalen der kleinen Babybel-Käse über die Nasen gestülpt. Das hat schon manches Kind gemacht. Dabei haben wir festgestellt, dass unsere Patienten darauf reagiert haben, als wir sie mit den roten Nasen begrüssten.

Daraus ist als Forschungsauftrag ein eigentliches Humorprojekt entstanden. Über den Zeitraum von etwa zwei Jahren haben wir neben unserer Arbeit auf der Station zu diesem Thema geforscht und dabei interessante Erkenntnisse gewonnen.

So kam das eine zum anderen und ich rutschte langsam in meine neue Aufgabe. Seit nunmehr 15 Jahren bin ich freischaffend als Begegnungs-Clown für Demenzpatienten, Referent, Moderator und Workshop-Leiter unterwegs.

Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Therapie, Pflege und Ihrem Auftritt als Clown?

Das sind zwei völlig unterschiedliche Ebenen. Eine Therapie hat eine klare Struktur, ein Ziel. Das habe ich als Clown nicht. Ich bin überzeugt, dass meine Arbeit auch eine andere Wirkung hat. Dementsprechend bekomme ich auch Rückmeldungen nach meinen Besuchen in den Pflegeeinrichtungen. Oft höre ich, dass die Patienten spürbar ruhiger, entspannter seien.

Patienten mit einer Demenzerkrankung gelten oft als unnahbar. Wie begegnen Sie einem verschlossenen Menschen?

Demenz als solches ist extrem vielschichtig und für Patienten, Angehörige, aber auch für Pflegepersonen schwierig zu ertragen. Es ist eine Erkrankung, bei der keine Besserung eingeplant ist. Viele Patienten erkennen, dass sie nicht mehr so können, wie sie eigentlich wollten.

Das ist sehr frustrierend und kann ganz unterschiedliche Reaktionen auslösen. In dieser Situation mache ich mich zum Verbündeten mit den Personen. Ich hole mir Rat bei den Patienten.

Besonders eindrücklich sind die Reaktionen, wenn ich mit Musik aus ihrer Jugendzeit arbeite. Wenn ich in Zürich das Landidörfli-Lied mit Marthely Mumenthaler von 1939 laufen lasse, und zwar von einer alten knisternden Schellackplatte, erinnern sich viele an diese Zeit und beginnen von sich aus, frei mitzusingen. Dasselbe wirkt im Berner Oberland mit einem Jodel.

Dann tauchen Geschichten auf aus dieser Zeit, von der eigenen Jugend, von der Landi, vom Schifflibach, vielleicht von der ersten Liebe. Aber manchmal auch tragische Geschichten über Gewalt, Entbehrungen, Schicksale.

Sind Sie bei dieser Arbeit auch schon auf Ablehnung gestossen?

Ja, das gibt es auch, selten zwar, aber das respektiere ich natürlich. Einmal hatte ich ein bezeichnendes Erlebnis. Ich war zu früh angereist und wollte auswärts noch etwas Kleines essen. Da setzte sich ein älterer Herr zu mir an den Tisch.

Er begann zu erzählen, dass im Heim nebenan, wo er zu Hause sei, so eine sonderbare Veranstaltung mit einem Clown stattfinden würde. Das brauche er nicht, drum sässe er jetzt hier. Es wurde noch ein interessantes Gespräch, aber ich gab mich natürlich nicht zu erkennen.

Arbeiten Sie als Begegnungs-Clown allein, oder wie müssen wir uns das vorstellen?

Nein, ich bin nicht allein. Da sind natürlich die Pflegepersonen, welche die Patienten begleiten und betreuen. Es sind aber auch oft Angehörige mit dabei, ob zufällig auf Besuch oder gezielt dann, wenn der Clown kommt. Die Angehörigen sind ein besonders wichtiger Part. Denn sie tragen einen wichtigen Teil der Betreuung mit.

Ist ein Clown immer lustig oder darf er auch einmal traurig sein?

Ja, das darf er gerne. Es gibt immer wieder Momente, wo auch ich Tränen in den Augen habe. Oft kommen bei den Patienten unerledigte Geschichten hoch und die Erinnerung ist wieder sehr präsent. Erlebnisse aus dem Krieg, Streitigkeiten bis zu Übergriffen und Vergewaltigungen.

Das sind dann schon grosse Emotionen, auch bei mir. Wichtig ist es, die Person nicht alleine in der schlechten Erinnerung zu lassen, sondern das schlechte Erlebnis immer wieder ins Positive zu drehen.

Der Umgang mit Demenzkranken ist sicher nicht einfach. Gibt es auch Situationen, die sie nachträglich noch belasten?

Die gib es auch. Sehr oft sogar. Nach einem Einsatz in einer Pflegeeinrichtung bin ich jeweils ganz schön geschafft, da hat nicht mehr viel anderes Platz in meiner Seele. Wenn ich in einer anderen Stadt zu Besuch bin, kann ich nicht einfach mit einem Kollegen auf ein Bier abmachen. Da wäre ich ein sehr schlechter Gesprächspartner.

Wie bringen Sie in einem solchen Fall Ihre Gefühlswelt wieder in Ordnung?

Nach einem Einsatz als Begegnungs-Clown, zusammen mit Demenzpatienten, bin ich schon in einer anderen Welt und muss wieder zu mir finden. Für die Autofahrt nach Hause gibt es so ein paar Rituale.

Ich habe mir beispielsweise eine CD zusammengemixt mit verschiedenen Versionen des «Ave-Maria». Die Klänge bringen mein Denken und mein Fühlen meist recht schnell wieder in Ordnung. All diese Erfahrungen ringen mir immer wieder grössten Respekt für die Pflegepersonen und die pflegenden Angehörigen ab.

Sie sind nicht nur als Begegnungs-Clown in Pflegeeinrichtungen unterwegs. Sie halten auch Referate, leiten Seminare, veranstalten Workshops. Was vermitteln Sie da den Teilnehmern?

Das hat sich mit den Jahren so entwickelt. Ich halte Referate zum Thema Demenz und leite Workshops, vor allem in Pflegeeinrichtungen. Der Themenkreis dreht sich immer um die Fragen «Was ist Humor?», «Wie kann ich Humor fördern?»; dies alles im Umfeld mit Demenzerkrankten.

Damit möchte ich die Sensibilität der Workshop-Teilnehmer wecken und Emotionen auslösen. Denn Emotionen sind der Schlüssel zu jeder einzelnen Persönlichkeit.

Selbst ein Bühnenprogramm als Kabarettist gehört zu Ihrem Repertoire. Wie kam das?

Auch hier hat sich eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Da trete ich vor allem für die Mitarbeiter an Personalanlässen in Alters- und Pflegeeinrichtungen auf. Es ist eher ein satirisches Programm. Man darf das an sich ernste Thema für einmal auch auf diese Weise betrachten.

Wann haben Sie als Begegnungs-Clown Ihre Aufgabe erfüllt?

Das ist eher eine philosophische Frage. Im Umgang mit den Patienten braucht es Aufmerksamkeit, wir sollten den Personen Raum geben, Wohlwollen schenken. Dabei können wir von Demenzkranken enorm viel lernen. Dazu gilt es aber auch, den eigenen Blickwinkel zu verändern.

Ein Leben mit Demenz kann durchaus lebenswert sein. Wenn wir die Krankheit nur als negativ empfinden, sie dämonisieren, werden wir zu ihrem Opfer. Viel wichtiger ist es jedoch, sich an dem zu erfreuen, was noch möglich ist, und diese Momente auch in vollen Zügen und mit allen Sinnen zu geniessen.