Etwas stark Gezeichnetes

Die Bezeichnung Tabu stammt mutmasslich aus dem polynesischen Sprachraum. Unter dem Wort «tapu» wurde etwas als unverletzlich, heilig oder «stark Gezeichnetes», also Stigmatisiertes begriffen. Tabus sind etwas universell Menschliches, da es keine Gesellschaft ohne Tabus gibt, auch wenn sie sich kulturell oder durch gesellschaftliche Konventionen stark unterscheiden können.

Tabus meinen etwas generell Unantastbares, etwas, von dem man nicht spricht oder das in einer Gesellschaft geächtet wird. Tabus sind ungeschriebene Gesetze, die über rechtliche Gesetze hinaus existieren und das tägliche Leben der Menschen mitbestimmen.

Sie finden sich in Essvorschriften, der Art der Bekleidung, zwischenmenschlichen Berührungen, Beziehung zu Tieren und selbstverständlich in der Beziehung zwischen den Geschlechtern und so weiter.

Tabuthemen ändern sich mit der Zeit

Mehr als dreissig Jahre nach dem Beginn der sexuellen Revolution befinden wir uns in einer Zeit, in der sich kaum noch jemand öffentlich über Nacktheit, Gewalt oder Gotteslästerung im Kino oder in den sozialen Medien empört. In Nachmittagstalkshows wird am Fernsehen das Intimste preisgegeben und es wird oft behauptet, wir lebten in einer tabulosen Gesellschaft.

Was jedoch herkömmlich in den Medien als Tabubruch bezeichnet werden mag, sind meist Grenzüberschreitungen, beispielsweise in Verletzung eines politischen Konsenses, unangemessener Machtansprüche oder schlicht fehlendem Anstand. Damit hat auch das Wort «postfaktisch» in unseren Wortschatz Eingang gefunden. Mit eigentlichen Tabus hat dies aber wenig bis nichts zu tun.

Historisch gesehen sind Tabus Änderungen unterworfen und in diesem Sinne auch Zeichen der Zeit. Davon, was es beispielsweise heisst, aidskrank zu sein, zeugen zahlreiche Filme und Publikationen, die vor allem in den Anfangsjahren der auftretenden Krankheit entstanden sind.

In einem Zeitalter, wo der Jugend- und Körperkult einen nie da gewesenen Höhepunkt erreicht hat, sind Übergewicht, Inkontinenz oder andere Schwachstellen des Körpers tabu.

Es sind unbequeme und unaussprechliche Mahnmale, die daran erinnern, dass der Mensch in seiner Herrlichkeit nicht unantastbar ist. Suchtkrankheiten suggerieren Kontrollverlust, auch wenn der Körperkult an sich Merkmale von Sucht aufweist.

3 Ebenen

Tabus können auf drei Ebenen angesiedelt werden: auf einer politischen oder institutionellen, kulturellen und persönlichen Ebene. Institutionell bedeutet, dass zum Beispiel die eigene Geschichte eines Landes verwässert, verleugnet oder bis zur Verklärung zurechtgebogen wird. Die Verletzung dieses Tabus wird von der entsprechenden Regierung meist nicht geduldet.

Sie binden viel Energie und machen letztlich krank.


Gesellschaftlich kann es zum Beispiel heissen, dass Homosexualität verboten, unterdrückt und in bestimmten Ländern sogar strafrechtlich verfolgt und von der Gesellschaft einhellig geächtet wird.

Letztlich landet aber jedes Tabu auf der persönlichen, dritten Ebene, wo es unter Umständen schädliche Auswirkungen entfalten kann. Tabus können für das Individuum und seinen Entwicklungsprozess Auslöser sein, wichtige Gedanken, Gefühle und Handlungen zu unterdrücken.

Sie binden viel Energie und machen letztlich krank. Oft werden als persönlich empfundene Tabus nicht gebrochen, aus Angst vor den Reaktionen der Umwelt. Wir wägen deshalb sorgfältig ab, in welchem sozialen Umfeld es uns möglich erscheint, jemandem ein Tabu anzuvertrauen.

Als Psychotherapeutin bin ich eine Anlaufstelle, bei der Tabus gebrochen werden können. In der Therapie geht es darum, in einem geschützten Rahmen Tabus gezielt öffentlich zu machen und die durch Tabus unterdrückten und abgespaltenen Persönlichkeitsanteile, Wünsche, Bedürfnisse, Gefühle etc. bewusst zu machen und in das eigene Leben zu integrieren.

Somit kann jene Energie freigesetzt und genutzt werden, die zur Unterdrückung des persönlichen Tabus benötigt wurde. Das Resultat ist die Steigerung des Selbstwertes und damit ein entspannter Umgang mit dem Tabu, das keines mehr ist.