Trauen sich Herr und Frau Schweizer heute offen über Schönheitsoperationen zu reden?
Meiner Erfahrung nach nicht. Sie wollen zum Beispiel nicht, dass der Arbeitgeber weiss, dass sie sich einer Schönheitsoperation unterziehen. Die meisten beziehen dann Ferien, um den Eingriff durchführen zu lassen. Eine Woche reicht dabei in der Regel aber nicht. Bis die Fäden gezogen werden können, dauert es meist acht bis zwölf Tage. Darüber müssen sich die Patienten von Anfang an im Klaren sein.

Welche Operationen werden am häufigsten durchgeführt?
An erster Stelle steht die Gesichts- und Halsregion. Das heisst zum Beispiel ein Lifting von Stirn und Brauen oder ein Facelifting, Lidkorrekturen, Korrekturen der Nase oder Ohrenkorrekturen. Daneben gibt es die körperformenden Eingriffe wie Straffungs- oder Brustoperationen und die Liposuktion, das heisst die Fettabsaugung. Bei all diesen Eingriffen handelt es sich in der Regel um Wahloperationen, das heisst sie sind nicht lebenswichtig. Im Gegensatz dazu stehen die Operationen nach schweren Unfällen und bei angeborenen oder krankheitsbedingten Defekten, bei denen neben der ästhetischen Komponente meist auch ein funktionelles Defizit behoben werden muss. Erfahrene Ärzteteams müssen in der Lage sein, die Patientinnen und Patienten auf ihrem Weg in einen neuen Lebensabschnitt zu begleiten, zu unterstützen und dabei auch deren individuelle psychische Situation mit einzubeziehen. Von der Erstberatung über den Eingriff bis zur umfassenden Nachbehandlung.

Stimmt die Annahme,dass die meisten Patienten sich einen Eingriff nur dann ernst- haft überlegen, wenn ein sehr grosser Leidensdruck vorhanden ist?
Dem ist leider nicht so. Im Gegenteil. Vielfach suchen die Patienten den Arzt mit teils unrealistischen Erwartungshaltungen auf. Etwa wenn ein 50-jähriger Patient den Wunsch hat, wie 35 auszusehen. Bei älteren Patienten ist die Haut bereits wesentlich strapazierter. Wenn die Leute das Bedürfnis haben, etwas an ihrer äusseren Erscheinung zu optimieren, klären wir deshalb zuerst ab, ob ihre Wünsche überhaupt realistisch sind. Das kann der Fall sein bei einem Doppelkinn, einer unförmigen Hakennase, bei abstehenden Ohren oder auch bei einer Vergrösserung oder Verkleinerung der Brust.

Was raten Sie Patienten, die mit einer unrealistischen Vorstellung zu Ihnen kommen?
Ich versuche ihnen zu erklären, dass der Eingriff wenig Sinn macht und allenfalls ein anderer therapeutischer Ansatz indiziert ist. In Frage könnte zum Beispiel die Konsultation des Hausarztes oder eines Psychologen kommen. Tatsache ist, dass es Leute gibt, die eine Schönheitsklinik aufsuchen, in Tat und Wahrheit aber unter einer Wahrnehmungsstörung leiden. Ein seelisches Leiden kann aber nicht mit dem Skalpell therapiert werden. Dies ist meiner Meinung nach der schwierigste und heikelste Punkt, wenn es darum geht, zu entscheiden, ob eine Operation tatsächlich sinnvoll ist für den entsprechenden Patienten.

Wo stehen wir heute punkto Schönheitsoperationen in der Schweiz?
Verglichen mit den USA stecken wir noch in den Kinderschuhen. Die Entwicklung zeigt aber auch bei uns einen Trend zur ewigen Jugend. Ältere Menschen wollen immer häufiger operiert werden, und junge Frauen, aber auch Männer, wollen so schnell wie möglich ein vermeintliches Defizit wegoperiert haben. Vergessen wird dabei, dass gerade im Alter Zusatzerkrankungen und eine gealterte Haut oft erschwerende oder unüberwindbare Hürden für einen ästhetischen Eingriff darstellen. Die besten Patienten sind in aller Regel diejenigen, die zwar etwas an ihrem Aussehen verändern möchten, aber grundsätzlich mit einer nicht allzu schweren Deformation leben können.