Leider sieht die Realität häufig anders aus. Caroline Fux beschäftigt sich als Sexratgeberin beim Blick mit Fragen, Sorgen und Nöten rund um die Sexualität.

Wie wichtig ist Sex in der Beziehung?
Er ist nicht das Wichtigste, aber eben doch wichtiger, als viele Leute denken. Doch gibt es keine Zahlen oder Empfehlungen, wie häufig Sex in einer Beziehung stattfinden soll. Wenn ich höre, dass der Durchschnittsschweizer angeblich 2 bis 3 Mal die Woche Sex hat, muss ich lachen. Solche Zahlen schaffen eine falsche Norm. Beim Sex müssen sich einzig die Partner einig sein. Ob das nun täglich ist oder 1 Mal im Monat, spielt keine Rolle – solange es eben für das Paar stimmt.

Er will mehr, sie weniger
Sex – hier gibt es doch sicherlich eine Menge Konfliktpotenzial.
Tatsächlich kann das «Wie oft» eine Knacknuss sein – das ist normal und hier muss das Paar gemeinsam Kompromisse finden. Hinzu kommt, dass die Wichtigkeit von Sex in der Beziehung besonders von Langzeitpaaren häufig unterschätzt wird. Klar, das Prickeln ist nach einigen Jahren häufig nicht mehr so stark wie am Anfang, doch macht erst der Sex ein Paar zu einem Paar. Alles andere kann man auch mit Freunden machen. Sex verbindet und schafft Nähe. Bei jedem Menschen gibt es Schwankungen, was die Lust angeht, und man sollte bloss nicht in Panik verfallen, wenn es über einen gewissen Zeitraum weniger Sex gibt. Sexualität in der Beziehung muss aber in jedem Fall gepflegt werden und ist kein Selbstläufer.

Wie hält man ein erfülltes Sexualleben auch nach Jahren noch aufrecht?
Sex passiert nicht einfach so, sondern wir müssen etwas dafür tun. Das Sexleben muss gepflegt werden. Oftmals haben wir völlig überrissene Vorstellungen davon, wie Sex sein sollte. Sex muss in unseren Vorstellungen immer superprickelnd sein, wir erwarten den Superorgasmus, die Superstimmung und den Superpartner. Auch die Medien kultivieren das Bild einer perfekten Sexualität, an der man als Paar dann nur scheitern kann. Das Leistungsdenken schadet der schönsten Nebensache der Welt und nimmt ihr das Zauberhafte. Sex ist manchmal einfach nur durchschnittlich – und das ist völlig okay.

«Sex ist manchmal einfach nur
durchschnit­tlich – und das ist völlig okay.»

Warum ist es so schwierig, über Sex zu reden?
Sex ist noch immer ein Tabuthema und vielen Menschen fällt es schwer, darüber zu sprechen. Ein Grund hierfür ist sicherlich, dass wir bei keinem anderen Thema so verletzlich und sprichwörtlich nackt sind wie in der Sexualität. Man muss allen Mut zusammennehmen, und zwar gleich von Anfang an. Wenn man nach zehn Jahren kommt und sagt: «Das gefällt mir ja gar nicht und hat mir eigentlich auch noch nie gefallen», dann wird es schwierig. Wir und unsere Bedürfnisse, auch die sexuellen, verändern sich stetig; darüber muss das Paar offen sprechen.

Gibt es Tabu-Themen in einer Beziehung?
Ja, die sollte es geben. Denn Sexualität braucht Tabus und nicht jede sexuelle Fantasie muss dem Partner mitgeteilt werden. Es gibt eine wichtige Grenze zwischen Wunsch und Phantasie: Eine sexuelle Fantasie – beispielsweise einmal Sex mit dem Kollegen zu haben oder mit zwei Frauen gleichzeitig – muss dem Partner nicht auf die Nase gebunden werden. Fantasien gehören zum Leben und bergen einen gros­sen Reichtum, selbst wenn wir viele dieser Fantasien selber nie ausleben wollen. Ein Wunsch drängt dagegen auf Umsetzung. Wünsche sollten wir unseren Partnerinnen und Partnern mitteilen, denn bleiben sie unerfüllt, entwickeln sie eine enorme Sprengkraft. Doch auch hier gilt wieder: Kommunikation ist alles. Man muss seine Wünsche genau beschreiben und erklären, weshalb man darauf abfährt. Im Gegenzug sollten aber auch Befürchtungen oder Ängste offen mitgeteilt werden.

Je nach Studie gehen 40 bis 50 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer fremd. Wie realistisch ist sexuelle Exklusivität heute noch?
Auf jeden Fall sollte man offen sein für neue Beziehungsmodelle und diese auch innerhalb der Beziehung diskutieren. Ich ziehe hier gerne folgenden Vergleich: Wenn ein Architekt erdbebensicher bauen soll, baut er flexibel, damit die Gebäudehülle die Erschütterungen aushält. Dieses Bild sollte unser Paarleben prägen: Wir sollten unsere Beziehungen flexibel gestalten, damit sie den Erschütterungen standhalten, die das Leben und eben auch die Liebe mit sich bringen. Aber – und das möchte ich wirklich betonen – ohne festes Fundament steht kein Haus.

Wie definieren Sie guten Sex?
Sex ist dann gut, wenn er ein Bedürfnis befriedigt. Er kann eine Quelle für Intimität sein, Selbstbestätigung, Entspannung, Stressabbau. Wenn er das tut, ist er gut.