Man kann sich gewaltverherrlichende Pornofilme herunterladen und dank Facebook und Co. allerlei menschenverachtende Kommentare rezipieren. Wartet man heute an der Tram-Haltestelle, ist es zur Normalität geworden, dass junge Damen in Unterwäsche einem in Form von Werbeplakaten Gesellschaft leisten (auch im Winter). Was früher undenkbar gewesen ist, gehört heute wie selbstverständlich zu unserer Gesellschaft. Doch ist es tatsächlich so, dass wir mittlerweile in einer Zeit leben, in der es keine Grenzen mehr gibt? Oder anders gefragt: Stimmt es, dass heute keine Tabus mehr existieren?

Es gibt noch immer Tabus und es wird auch zukünftig immer Tabus geben

Die Antwort ist ein klares Nein: Es gibt noch immer Tabus und es wird auch zukünftig immer Tabus geben. Ohne Tabus würde die Gesellschaft als System nicht funktionieren können. Tabus sind eng mit sozialen Normen verbunden und zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Stabilität und Struktur einer Gemeinschaft sichern. Der Bruch eines Tabus ist immer mit starken Sanktionen beziehungsweise Bestrafungen verbunden – auch wenn Tabus nicht direkt etwas mit staatlichen Gesetzen zu tun haben müssen.

Ein Tabubruch kann zum Ausschluss aus einer Gemeinschaft führen. Tabus können also als eine Art Abgrenzungsmittel fungieren. Wer sich nicht an die unausgesprochenen, aber verbindlichen Regeln der Gruppe hält, muss damit rechnen, nicht mehr mitspielen zu dürfen. So wäre beispielsweise eine öffentlich gemachte, rassistische Aussage eines Politikers ein klarer Tabubruch. Eine solche Aussage würde weitreichende Sanktionen nach sich ziehen. Höchstwahrscheinlich würde die Mitgliedschaft dieser Person im politischen Wirkkreis infrage gestellt werden.

Auch gemeinsame Werte gelten als wesentliche Bestandteile sozialer Normen. Im Gegensatz zum Tabu ist jedoch das Befolgen von (Ideal-)Werten zwar erwünscht, aber nicht zwingend notwendig, um Teil einer bestimmten Gesellschaft zu sein und zu bleiben. Interessanterweise hat jede Gruppe, jede Kultur und sogar jedes einzelne Individuum seine eigenen Tabus und Werthaltungen. Beispielsweise wird mit dem Thema Homosexualität in manchen Kontexten inzwischen offen umgegangen, während es in anderen Gesellschaftsbereichen leider immer noch den Stellenwert eines Tabus hat.

Auch zwischen verschiedenen Altersgenerationen existieren unterschiedliche Erwartungen, wie man auf Homosexualität zu reagieren hat. Selbst Angehörige ein und derselben Gruppierung können sehr verschiedene Auffassungen dazu vertreten, ob Homosexualität oder auch nur das Sprechen darüber ein Tabu ist. Während die eine Dame im Kirchenchor es völlig ablehnen könnte, auch nur ansatzweise über das Coming-out des Sohnes ihrer Nachbarin zu sprechen, könnte es sein, dass eine andere Dame im gleichen Chor dem Thema weit mehr Offenheit entgegenbringt.

Allen Tabus gemein ist, dass wir es in jedem Fall mit sehr starken Emotionen zu tun haben. Auf der einen Seite ist die Vermeidung von Tabubrüchen mit einer starken Anspannung verbunden. Auf der anderen Seite führen tatsächliche Tabubrüche zu heftigen emotionalen Reaktionen. Die konkrete Art und Weise der Reaktion unterscheidet sich von Gemeinschaft zu Gemeinschaft und ist zudem auch einem zeitlichen Wandel unterworfen. Ehebruch wurde früher hart bestraft und gilt auch heute in vielen Kulturkreisen als starker Tabubruch, der mitunter sogar die Steinigung der betroffenen Person/-en zur Folge haben kann.

Auch wenn es vergleichsweise so erscheint, als wäre Ehebruch in westlich orientierten Ländern längst kein Tabu mehr, spricht die Betrachtung des Einzelfalls eine andere Sprache. Ein Ehebruch bleibt auch in Europa nicht ungesühnt, wenngleich die Reaktionen weit weniger drastisch ausfallen. In einigen Fällen wird der/die Ehebrecher/-in aus dem Familienkreis ausgeschlossen; in anderen Fällen kann es sein, dass das berufliche Ansehen einen Knacks erleidet. Im heutigen digitalen Zeitalter haben sich zudem ganz neue Möglichkeiten ergeben, auf Tabubrüche zu reagieren. So bieten Facebook, Twitter und Co. zahlreiche Alternativen, einen «Täter» öffentlich und nachhaltig anzuprangern. Rassistische Aussagen im politischen Kontext können im Netz einen ganzen Shitstorm auslösen. Es kann also im heutigen Zeitalter sehr schnell und effizient auf einen Tabubruch reagiert werden.