Marius Gehrig, Sie sind stellvertretender Geschäftsführer von Diabetes Schweiz. Trifft es zu, dass immer mehr Menschen an Diabetes erkranken?

Ja, bestimmt. Auch wenn man einschränkend darauf hinweisen muss, dass einer gewissen statistischen Unschärfe Rechnung zu tragen ist.

Die Menschen werden älter, und Diabetes lässt sich heutzutage einfacher diagnostizieren. Folglich stösst man auch auf mehr Fälle als früher.

Was sind die Hauptgründe für die Zunahme?

Verantwortlich ist zum einen der steigende Konsum von Zucker, Kohlehydraten und Fett. Auch Alkohol und Nikotin begünstigen das Risiko für einen Diabetes.

Eine massgebende Rolle spielt zudem der Bewegungsmangel. Wer diesen Risikofaktoren gebührend Rechnung trägt, tut schon sehr viel, um Diabetes zu vermeiden.

Wie wichtig ist eine frühzeitige Entdeckung von Diabetes?

Das ist sehr wichtig. Beim Typ 1, der meistens vor dem 18. Lebensjahr auftritt, sind die Anzeichen derart stark, dass man meist von alleine einen Arzt aufsucht. Diabetes Typ 2 verläuft dagegen schleichend und bleibt deshalb auch oft lange Zeit unentdeckt.

Starker Durst und Harndrang, Gewichtsverlust, ein Acetongeschmack im Atem sind in kombinierter Form ein Grund für eine ärztliche Abklärung.

Und wenn der Arzt einen Diabetes diagnostiziert: Was bedeutet das für das weitere Leben einer betroffenen Person?

Die Krankheit Diabetes begleitet einen täglich und sie lässt sich nicht heilen. Wer aber genügend Selbstdisziplin aufbringt und die medizinische Therapie konsequent einhält, kann ein normales Leben ohne nennenswerte Einschränkungen führen.

Wichtig ist, dass dem Patienten bewusst ist, dass er sein eigener Arzt sein muss. Er ist für sich verantwortlich und muss sich unter Kontrolle halten.

Gilt das auch für Patienten mit Diabetes Typ 1?

Auch Betroffene mit Typ Diabetes 1, die zeitlebens auf regelmässige Insulin-Injektionen angewiesen sind, müssen praktisch auf nichts verzichten, wenn sie ihren Blutzuckerspiegel im Auge behalten. Auch das ist heute mit genügend Disziplin ziemlich leicht zu schaffen.

Wenn Sie noch einen Blick in die Zukunft werfen: Was zeichnet sich medizinisch gesehen an Fortschritten bei Diabetes ab?

Wenn die Entwicklung in der Medizin so rasant weitergeht wie in den letzten 20, 30 Jahren, dürfte es auch auf diesem Gebiet vor allem dank der Gentechnologie viele Fortschritte geben.

Diabetes Typ 1:  Ein Leben lang Insulin spritzen

Typ-1-Diabetes ist eine sogenannte Autoimmunkrankheit. Dabei richtet sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper. Betroffene können kein oder kaum mehr Insulin selber produzieren.

Der Grund: Abwehrkräfte zerstören gewisse Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die das Hormon Insulin herstellen. Was genau hinter dieser Fehlfunktion steckt, ist immer noch unklar.

Insulinzufuhr von aussen

Das Hormon hat respektive hätte die Aufgabe, den Zucker in die Zellen zu schleusen. Weil das bei Diabetikern von Typ 1 nicht möglich ist, staut sich der Zucker im Blut an. Die Patienten müssen sich das Insulin folglich anderweitig besorgen, indem sie es sich spritzen. Ohne Insulinzufuhr käme es zu einer stark gesundheitsschädigenden Stoffwechselentgleisung mit letztlich tödlichem Ausgang. 

Etwa jeder zehnte Diabetiker gehört zum Typ 1. Im Gegensatz zum weit stärker verbreiteten Typ 2 bildet sich Diabetes 1 aber oft schon im Kindes- und Jugendalter.

Die Symptome in Form von häufigem Harndrang, sehr grossem Durst, trockener und juckender Haut oder etwa Acetongeruch des Atems können innerhalb weniger Tage oder Wochen auftreten.

Disziplin gefragt

Diabetes Typ 1 ist nicht heilbar. Betroffene müssen sich deshalb auf eine Langzeittherapie einstellen und lebenslang Insulin zuführen, um die Blutzuckerwerte regulieren zu können. Bei einem disziplinierten Verhalten können sie aber weitgehend ein normales Leben führen. Abstriche bei der Ernährung sind nicht erforderlich.

Unumgänglich ist aber eine optimale Abstimmung der Insulinbehandlung auf die Ernährung. Vor allem Kohlenhydrate in der Nahrung führen zu einem Ansteigen des Zuckerspiegels im Blut.

Als Möglichkeit zum Spritzen gibt es kleine Injektionsgeräte. Eine Alternative sind Insulinpumpen, die am Körper getragen werden und laufend eine bestimmte Insulinmenge ins Blut abgeben.