VATERSCHAFT
«Es braucht mehr Wertschätzung für Väter und ihre Bedürfnisse – sowohl im Kleinen wie im Grossen.»
Markus Theunert
Präsident des Dachverbands Schweizer Männer- und Väterorganisationen, Gründer der Schweizer Männerzeitung und Buchautor

Für die einen ist Vater werden das Grösste, für die anderen ist es vor allem ein grosser Einschnitt. Plötzlich werden weitere Qualitäten verlangt, die vorher eine untergeordnetere Rolle spielten: Fürsorglichkeit etwa oder die Fähigkeit, Bedürfnisse zurückzustellen. Während der Schwangerschaft und der Geburt stehen das werdende Kind und die Mutter im Mittelpunkt. Der Vater soll den beiden helfen und sein Ego in den Hintergrund stellen – obwohl auch er mit Unsicherheiten und Ängsten konfrontiert ist. Er verliert sein altes Leben – seine Autonomie. Gleichzeitig rechnet das Umfeld mit Glückseligkeit: «Werdende Väter stehen so unter massiver Spannung. Es ist wichtig, diese widersprüchlichen Gefühle wahrzunehmen» , schildert Markus Theunert, Präsident des Dachverbands Schweizer Männer- und Väterorganisationen.

Kind und Karriere

Mitunter kann es für Männer kompliziert sein, Vaterschaft und Karriere unter einen Hut zu bekommen. Das Arbeitspensum bleibt gleich: Neun von zehn Vätern mit kleinen Kindern sind vollzeit – beschäftigt. Daneben investieren sie heute acht Stunden mehr in die Familienarbeit als noch vor zehn Jahren. Somit nimmt die Doppelbelastung der Männer mit Kindern zu. Dadurch fehlt die Zeit für die Pflege der Interessen und der Paarbeziehung. Hilfreich wären Rahmenbedingungen, die den Vätern zusätzlichen Freiraum verschaffen würden. In der Schweiz mangelt es beispielsweise an einem gesetzlich verankerten Anspruch, für die Geburt frei zu erhalten.

Was wünschen sich Väter?

Die Wünsche sind individuell. Wobei Zeit ein wichtiger Faktor ist, um der Familie, der Partnerin und sich selbst gerecht zu werden. Ein ebenso zentraler Punkt ist der kompetente Umgang mit dem Kind: Sich dabei gut und sicher fühlen steht im Vordergrund. Väter möchten ernst genommen werden. Genauso benötigen sie Wertschätzung für ihr Engagement in Form eines wohlwollenden Unterstützens beim «Bevatern» des Kindes. Dazu zählt auch das Finden des persönlichen Weges und des eigenen Stils als Papa. Theunert: «Väter wollen keine männlichen Mütter sein.»

Nöte und Sorgen

Männer plagen die unterschiedlichsten Gedanken: Einer zweifelt, ob er das kann. Der andere befürchtet, das Kind könne ihn ablehnen. Der Nächste sieht sich schon zur Nummer zwei degradiert. Ebenso beschäftigt manchen die veränderte Partnerschaft. Wo bleiben ungestörte Augenblicke für die Zweisamkeit und die Sexualität? Zudem stellt sich die Frage nach der materiellen Sicherheit der Familie oder der Zukunft. Zumal 50 Prozent aller Ehen geschieden werden. Was passiert danach: Erhält die Mutter das alleinige Sorgerecht und mutiert der Papa zum reinen Geldgeber? Das Parlament änderte das Gesetz, sodass zukünftig die gemeinschaftliche elterliche Sorge die Regel ist. Dies gilt auch für unverheiratete Paare.

Nebenwirkungen

Die Schwangerschaft und die Geburt beeinflussen sogar den Hormonhaushalt der Väter: Das bedeutet mehr Prolaktil und weniger Testosteron. Diese Veränderung ist messbar und beim Mann weniger ausgeprägt vorhanden. Trotzdem spüren sie, dass sie weicher werden. Einige entwickeln das Couvade-Syndrom. Bezeichnet werden damit Schwangerschaftssymptome beim Vater. Hinzu kommt die emotionale Achterbahnfahrt kurz nach der Geburt. Markus Theunert erklärt: «Himmelhoch jauchzend über tief traurig bis hin zu ängstlich beklemmt: All das kann sich rasch abwechseln.» Es ist der Baby-Blues. Diese Stimmungsschwankungen pendeln sich nach ein paar Tagen wieder ein. Bestehen über Wochen und Monate nach der Geburt depressive Verstimmungen gepaart mit Antriebslosigkeit, Appetitverlust oder freudloser Schwere, könnte die Diagnose postnatale Depression lauten. Diese hängt zusammen mit biochemischen Prozessen und psychosozialem Stress. Laut Schätzungen leidet jeder zehnte Mann unter einer postnatalen Depression. Als erste Anlaufstelle eignen sich die Hebamme, die Beraterin im Mütter- und Väterzentrum oder der Hausarzt. Weil sie versiert sind im Einschätzen der Gefühlslage frischgebackener Väter.