Dr. André Weissmann
Intensivmediziner, Israel

Herr Dr. Waismann, wie erklären Sie Sucht?
Sucht ist eine neurologische Gewöhnung. Der Körper reagiert auf die Zufuhr einer bestimmten Substanz durch die Aussonderung verschiedener chemischer Botenstoffe, um sich an die Wirkung der eingenommenen Substanz anzupassen. Um sein eigenes Gleichgewicht wieder herzustellen, reagiert der Körper jedes Mal auf diese Weise. Sobald die Substanz regelmässig eingenommen wird, bleibt die Körperreaktion darauf konstant. Daraus entsteht ein neuer Selbstregulierungsmechanismus, bei dem die neue Substanz eine wichtige Rolle spielt. Der angepasste Zustand wird neu zum Normalzustand. Wird nun die Substanzzufuhr unterbrochen, muss der Körper sich erneut an die veränderte Situation anpassen – ein Prozess, der allgemein als Entzugserscheinung bekannt ist. Typische Symptome sind Unruhe, Schweissausbrüche, Zittern oder Fieber. In der Folge verlangt das Gehirn immer drängender nach der gewohnten Substanz.

Wieso ist Opiatabhängigkeit gefährlich?
Wer süchtig ist, wird schmerzresistent, er spürt also die Anzeichen von Krankheiten nicht mehr. Dazu kommt die gesellschaftliche Komponente. Süchtige haben eine Mission: Die Beschaffung von neuem Stoff. Dafür tun sie alles, prostituieren sich oder werden kriminell – und schaden damit sich selber und ihrer Familie.

Opiatabhängigkeit schadet also der Gesellschaft?
Am Anfang einer Abhängigkeit verbraucht ein Süchtiger nach und nach die Ressourcen seiner Familie. Seine Sucht kostet die Familie nicht nur Geld, sondern reduziert auch die Produktivität der arbeitenden Familienmitglieder. Lebt der Suchtkranke nicht mehr in der Familie, muss er sich die zum Essen und für die Bekämpfung seiner Schmerzen notwendigen Mittel auf kriminelle Weise beschaffen. Später folgen Infektionskrankheiten; Hepatitis und AIDS breiten sich immer mehr aus.
 
Beschreiben Sie Ihre Therapie?
Die ANR-Therapie ist eine neue Generation einer Suchtbehandlung, bei welcher die  Abhängigkeit mit modernen Medikamenten therapiert wird. Heute kennt man den Prozess, wie Rezeptoren, also sozusagen die Andockstellen, im Gehirn die Opiate regulieren. Diese Kenntnisse haben mir geholfen, die ANR (Accelerated Neuroregulation, also beschleunigte Regulierung des Nervensystems) zu entwickeln. Der Fokus dabei ist, die Opiatabhängigkeit direkt am Rezeptor zu behandeln. In der herkömmlichen Suchtbehandlung wird die wichtige Endorphin-Rezeptor-Balance nicht korrigiert und berücksichtigt.  

Wie gehen Sie vor?
Die Patienten werden, bevor die Therapie in einer Intensivstation eines Spitals beginnt, über eine bestimmte Zeit psychologisch und medizinisch abgeklärt. Sie  müssen mit einer Hospitalisation von 1 bis 2 Tagen rechnen. Dabei unterziehen sie sich auch einer 4 Stunden andauernden Narkose. Nach der Entlassung werden den Patienten während einiger Zeit noch Medikamente als Rückfallprophylaxe verschrieben und werden regelmässig ärztlich untersucht. Für eine allfällige psychologische Nachbetreuung werden die Patienten an Fachleute weiterverwiesen.

Woher stammt Ihr Interesse für Entzugs-Therapien?
Als ich im israelischen Militär arbeitete, sah ich reihenweise Kollegen, welche nach einer Unfallbehandlung wegen Schmerzbehandlungen opiatsüchtig wurden.  Einige von ihnen waren gute Freunde. So begann ich mir intensiv Gedanken zum Thema Entzug zu machen. Nun widme ich mich schon seit zwanzig Jahren dieser Thematik. Opiatsüchtige Patienten haben ein Recht auf eine sichere und menschliche Therapie.