Herr Rasovszky, ist Alkohol nach wie vor ein Tabuthema?

Nein, in unserer Gesellschaft nicht. Die weitaus am häufigsten konsumierte psychoaktive Substanz wird akzeptiert und gehört zu unserem Alltag. Es scheint aber ein Tabu zu sein, sich frühzeitig Beratung und Hilfe zu holen, wenn der Konsum aus dem Ruder zu laufen droht. Dies zeigt sich an der Tatsache, dass nur rund 10 Prozent der Betroffenen, die ein risikoreiches Trinkverhalten haben, sich überhaupt in eine Beratung oder Behandlung begeben.

Wo sehen Sie die Gründe dafür?

Einerseits leben wir in einer Gesellschaft, in der Alkohol eine lange Tradition und Geschichte hat. Er wird seit Menschengedenken eingenommen und wurde über Jahrhunderte auch als Medizin und als Nahrungsmittel eingesetzt, besonders in schwierigen Zeiten, wenn sonst wenig zur Verfügung stand. Er war den Menschen damals eine Überlebenshilfe und hat deshalb eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung entwickelt. Heute ist Alkohol ein Genuss- und Rauschmittel, zum Überleben brauchen wir ihn nicht mehr. Er hat aber nach wie vor einen festen Platz in der Gesellschaft. Das berühmte Feierabendbier ist ein gutes Beispiel dafür.

Ist diese Akzeptanz problematisch?

Die hohe Akzeptanz von Alkohol an sich ist noch kein Problem, aber sie kann dazu führen, dass Menschen, die selbst in einen übermässigen Konsum hineinrutschen, und auch ihr Umfeld einen problematischen Umgang damit erst spät als solchen erkennen. Alkohol bedient zudem tief verankerte Klischees, die auch dazu beitragen, einen übermässigen Konsum lange als unproblematisch und genussvoll zu betrachten.Ein echter Kerl verträgt viel oder wer viel Wein trinkt ist ein Geniesser: Das sind eigentlich vom Alkohol unabhängige positive Eigenschaften, die aber damit verknüpft werden.

Welche Rolle spielen die «positiven» Eigenschaften des Alkohols?

Alkohol hat tatsächlich viele angenehme Eigenschaften. Er entspannt zum Beispiel so rasch und effizient, wie kaum eine andere Substanz, erleichtert die Kontaktaufnahme und verringert Ängste und Hemmungen. Wer will denn nicht angstfrei, kontaktfreudig und entspannt sein? Stellt man sich nun vor, weniger zu trinken, befürchtet man möglicherweise auch einen Verlust dieser angenehmen Effekte und damit einen Verlust an Lebensqualität.

Greifen manche auch zum Alkohol, um sich gewissen Herausforderungen besser stellen zu können?

Ja, unsere Zeit ist von Druck und Hektik geprägt. Die schnelllebige und stark leistungsorientierte Gesellschaft schreit förmlich nach Entschleunigung, Ruhe und Entspannung. Genau diese Bedürfnisse vermag Alkohol kurzfristig sehr gut zu erfüllen. Langfristig senkt er aber die Stresstoleranz.

Ist beim Thema Alkohol die Hilfesuche das eigentliche Tabu?

Auf jeden Fall. Mit Stress nicht umgehen zu können, wird allgemein als Schwäche angesehen. Sich in eine Beratung oder Behandlung zu begeben, stellt für viele Betroffene ein Eingeständnis einer eigenen Überforderung dar und wird häufig so lange als möglich vermieden. Oft wird Hilfe erst in Anspruch genommen, wenn einschneidende und nicht mehr zu verdrängende Ereignisse zu geschehen drohen oder bereits geschehen sind. Etwa ernste körperliche Schäden, der Verlust des Arbeitsplatzes oder wichtiger Beziehungen.

Welcher Umgang ist also mit dem Thema Alkohol angebracht?

Das Thema Alkohol sollte weder bagatellisiert noch verteufelt werden. Es geht darum, offen und vorurteilsfrei sowohl über die angenehmen Seiten als auch über die Gefahren des Alkoholkonsums zu sprechen und das Annehmen von Beratung und Hilfe nicht als Schwäche, sondern als Chance zu sehen.