Erst vor rund 100 Jahren wurde die anthroposophische Medizin von Dr. phil. Rudolf Steiner und der Ärztin Dr. med. Ita Wegman begründet. Auf welchem Grundgedanken basiert die anthroposophische Medizin?

Die anthroposophische Medizin ist von ihrem Grundgedanken her eine integrative Medizin, weil sie unsere klassische Medizin voll miteinbezieht. Gleichzeitig wird sie durch das ganzheitliche Verständnis der Anthroposophie ergänzt.

Wir betrachten das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele als entscheidend für die Gesundheit. Wenn die Wechselbeziehungen zwischen Körper, Geist und Seele nicht harmonisch ineinandergreifen, können Krankheiten entstehen.

Sie haben ein abgeschlossenes Medizinstudium und sich danach auf anthroposophische Medizin spezialisiert. Was überzeugt Sie an dieser Medizinform?

Die anthroposophische Medizin überzeugt mich mit ihrem umfassenden und wissenschaftlich basierten Verständnis vom Menschen, von der Natur und vom Kosmos. Dieses Verständnis ist wissenschaftlich überprüfbar, man kann es empirisch erfahren und muss nicht einfach etwas glauben.

Gleichzeitig überzeugt mich diese Medizin in der praktischen Anwendung. Anthroposophische Ärzte haben ein abgeschlossenes Medizinstudium sowie eine anschliessende Zusatzausbildung in anthroposophisch erweiterter Medizin absolviert.

Sie haben eben den wissenschaftlichen Aspekt der anthroposophischen Medizin angesprochen. Was beinhaltet dieser?

Das bedeutet, dass man in der anthroposophischen Medizin forscht, das heisst, man untersucht, ob und wie ein Arzneimittel, wie beispielsweise eine Arnika genau wirkt, aber auch, wie man die Zusammenhänge von Körper, Seele und Geist sichtbar machen und für die Therapie nutzen kann.

Welche Behandlungsformen werden in der anthroposophischen Medizin angewendet?

Ziel der anthroposophischen Medizin ist es, den Selbstheilungsprozess nachhaltig zu unterstützen und damit den Patienten zu helfen, ihr Gleichgewicht wiederzufinden. Dafür stehen uns verschiedene Therapieformen und Arzneimittel zur Verfügung.

Anthroposophische Arzneimittel werden nach gesetzlich regulierten pharmazeutischen Prozessen aus Mineralien, Metallen, Pflanzen sowie Tierprodukten wie zum Beispiel Bienengift oder Ameisensäure hergestellt.

Zur anthroposophischen Medizin gehören zudem kunst- und bewegungstherapeutische Angebote, Musik- und Gesangstherapie, äussere Anwendungen wie Wickel und Bäder, Sprachgestaltung oder Biografiearbeit. Grundsätzlich kann mit anthroposophischer Medizin jede akute und chronische Erkrankung behandelt oder mitbehandelt werden.

Wo sind der anthroposophischen Medizin Grenzen gesetzt?

Die anthroposophische Medizin ist eine regulative Medizin, das heisst, sie regt Prozesse im Organismus an. Wenn ein Organismus nicht mehr regenerationsfähig ist, ist die Grenze der anthroposophischen Medizin erreicht. Hier kommt die klassische Medizin hinzu.

Seit 1996 gibt es Lehrangebote zur anthroposophisch erweiterten Medizin an der Universität Bern

Anthroposophische Medizin ist eine sehr zeitgemässe Medizin und passt mit ihrem wissenschaftlichen Vorgehen hervorragend in die heutige Zeit. Diese Medizin trägt dazu bei, dass das Wissen auch in der klassischen Medizin erweitert wird. Anthroposophische Medizin soll deshalb auch auf universitärem Niveau erforscht und gelehrt werden.