Ein fliessender Übergang

Wenn ein solcher «Babyblues» jedoch längerfristig anhält und das Stimmungstief sehr ausgeprägt ist, kann die Ursache eine andere sein. «Einige Frauen erleben nach dem ‹freudigen Ereignis› einen Einbruch.

Sie kommen mit sich, mit dem Kind und dem Leben nicht mehr zurecht und entwickeln eine sogenannte postnatale Depression (PND).

Nicht selten ist der Übergang vom sogenannten Babyblues zur Depression fliessend», erklärt Albrecht Seiler, Chefarzt der Klinik SGM Langenthal.
 

Anzeichen für eine Depression sind Erschöpfung oder rasche Ermüdbarkeit, innere Leere, Antriebslosigkeit, tiefe Traurigkeit, Appetit- oder Schlafstörungen.
 

«Mütter, die eine Postnatale Depression entwickeln, merken, dass es ihnen schlecht geht und sie kein Mutterglück verspüren oder dass Ängste und Sorgen um das Baby immer grösser werden», erklärt Seiler weiter.

Mütter erhalten Fassade aufrecht

Obschon jährlich mehr als 10000 Frauen in der Schweiz an einer postnatalen depressiven Symptomatik erkranken, ist die Scham darüber zu sprechen, noch immer gross. «Eine postnatale Depression ist oft nicht leicht zu erkennen und kann auch erst Wochen oder Monate nach einer Entbindung auftreten.

Viele Betroffene versuchen, trotz ihrer Einschränkungen den Erwartungen ihrer Umgebung gerecht zu werden und die Fassade einer glücklichen Mutter aufrechtzuerhalten», weiss Seiler.

Das ist gerade deshalb schade, weil beim Austausch mit anderen Frauen, Hebammen, Haus- und Frauenärzten schnell klar würde, dass sie mit dieser Thematik nicht alleine sind.

Seiler rät deshalb beim Verdacht auf eine Depression, so rasch als möglich das Gespräch mit der Familie und mit einer Fachperson zu suchen.

Die Edinburgh-Postnatal-Depression-Skala bietet die Möglichkeit, online zu überprüfen, ob Ihre Symptome auf eine PDN hindeuten: www.postnatale-depression.ch/de/hilfe/fragebogen.html

PND ist therapierbar

Glücklicherweise sind Betroffene nicht auf sich alleine gestellt. Im Rahmen einer – meist ambulanten – Therapie können sie lernen, ihre Krise zu akzeptieren. Zu Beginn geht es darum, die Situation zu analysieren.

«Jeder Mensch reagiert individuell auf Herausforderungen. Um die Konflikte einer Person zu verstehen, gilt es daher, die einzigartige Persönlichkeit, Biografie und Lebenssituation wahrzunehmen. Auf dieser Basis gelingt es, individuelle Stressoren aufzuspüren und Ressourcen herauszuarbeiten», führt Seiler weiter aus.
 

Auf dieser Basis können Betroffene lernen, wie sie besser mit herausfordernden Situationen umgehen und welche Ressourcen ihnen dabei helfen können.
 

Werden Mütter mit einer postnatalen Depression stationär behandelt, ist ein wichtiger Schritt, ein Leben nach der Klinik im häuslichen und familiären Kontext zu koordinieren und so eine möglichst gute Basis für einen gesunden Alltag zu schaffen.  

Auch Väter können betroffen sein

Nicht nur Frauen können unter einer PDN erkranken. Durch das einschneidende Erlebnis sind auch frischgebackene Väter zahlreichen Belastungen ausgesetzt.

Die häusliche Situation verändert sich, die Beziehung zur Partnerin erfährt eine Neuausrichtung, Tagesablauf, Sexualität und Beziehungsaufbau zu einem Baby stellen Herausforderungen dar.

Vieles ist nicht mehr so wie zuvor. Erschwerend kommt hinzu, dass Männer oft noch stärker als Frauen dazu neigen, psychische Probleme zu verdrängen, weiss Seiler.

Anhaltende psychosomatische Symptome wie Verdauungsprobleme, Schlafstörungen, Verspannungen oder Kreislaufbeschwerden deuten jedoch auf eine Belastungssymptomatik hin.

Auch hier lohnt es sich deshalb, früh eine Fachperson aufzusuchen.

Erfahren Sie mehr:

www.klinik-sgm.ch