Frau Dr. Kupferberg, was schadet dem Gehör am meisten? Ist es ein einmaliges lautes Schallereignis wie ein Rockkonzert oder regelmässiger mittelstarker Lärm wie etwa bei Berufsmusikern?

Die häufigste Ursache von Gehörverlust bei jungen Menschen ist Lärm – und zwar, wenn dieser Lärm über eine längere Zeit eine gewisse Lärmgrenze überschreitet.


Je lauter der Lärm, desto kürzer darf die Beschallung sein, ohne bleibenden Schaden zu hinterlassen.
 

Das heisst, auch wenn der Lärm nicht allzu laut ist, kann eine stundenlange tägliche Lärmbelastung mit Schalldruckpegeln um die 85 bis 95 Dezibel, wie zum Beispiel bei Musikern, zur Schwerhörigkeit führen. Aufpassen sollte man auch bei lauten Konzerten, bei denen ein ständiger Wechsel zwischen Ruhe und lauter Musik stattfindet.

Wie merkt man, ausser schlechtem Hören, dass das Gehör geschädigt ist?

Fast alle haben schon mal vorübergehend ein Pfeifen oder Klingeln im Ohr nach lauter Musik erlebt. Die starke Beschallung führt häufig zu einer Schädigung der Haarsinneszellen, die sich aber normalerweise in einigen Stunden zum grössten Teil wieder zurückbildet.

Manchmal bleibt aber eine Restschädigung, die sich durch Ohrgeräusche wie Tinnitus bemerkbar macht. Ohrgeräusche sind oft die ersten Hinweise, dass die Haarsinneszellen im Ohr einer starken Belastung ausgesetzt worden waren. Deswegen sollte man so früh wie möglich einen HNO-Spezialisten aufsuchen, wenn Tinnitus nach mehreren Tagen noch nicht verschwunden ist. 

Wie schützt man das Gehör vor Lärm?

Um das Gehör zu schützen, empfehle ich, dass man bei lauten Konzerten oder anderen Veranstaltungen, bei denen man lauter Musik ausgesetzt ist, Gehörschutzstöpsel verwendet. Wenn höhere Lautstärken dennoch unvermeidlich sind, sollte man sich ausreichende Ruhezeiten mit Schallpegeln unter 70 dB gönnen.

Welche Gefahren gibt es, abgesehen vom Lärm, noch für das Gehör?

Weitere Gefahrquellen für das Ohr stellen Medikamente, Rauchen und Alkohol dar. Es gibt hauptsächlich vier Arten von Medikamenten, die eine vorübergehende Innenohrschwerhörigkeit auslösen können.

Das bedeutet, dass die Schwerhörigkeit sich wieder bessert, sobald das Medikament abgesetzt wird. Dazu gehören zum Beispiel Schmerz- und Rheumamittel, die Acetylsalicylsäure enthalten, Malariamittel, Zytostatika zur Behandlung von bösartigen Tumoren, Schleifendiuretika sowie bestimmte Antibiotika, die zur Behandlung von schweren Infektionen eingesetzt werden. 

Was muss man bei solchen ototoxischen Medikamenten beachten?

Je kürzer der Einnahmezeitraum dieser Medikamente ist, umso geringer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass die unerwünschte Nebenwirkung eintritt.

Muss man dennoch über einen längeren Zeitraum ein ototoxisches Präparat einnehmen, sollte man das Gehör regelmässig beim Arzt oder Akustiker prüfen lassen. Da ein ototoxisches Medikament das Ohr anfälliger für einen durch Lärm ausgelösten Hörverlust macht, sollte man während der Medikamenteneinnahme das Gehör besonders gut schützen.

Können Sie uns erklären, weshalb Alkoholkonsum negative Folgen für das Ohr haben kann?

Übermässiges Trinken von Alkohol führt zu einer toxischen Umgebung im Innenohr. Die Toxine aus dem Alkohol schädigen und zerstören die Haarsinneszellen. Vor allem sind die Haarsinneszellen betroffen, die durch niedrige Schallfrequenzen aktiviert werden. Leider sind genau diese Frequenzen für das Sprachverstehen am wichtigsten.

Ausserdem kann ein hoher Alkoholkonsum über einen längeren Zeitraum zu einer Schädigung der zentralen Hörrinde des Gehirns führen. Wenn man also einen alkoholbedingten Hörverlust vermeiden will, sollte man den Alkoholkonsum auf einem vernünftigen Niveau halten.

Die gute Neuigkeit ist – ein Gläschen Wein zum Abendessen darf auch mal sein. Denn interessanterweise kann ein mässiger Konsum von Wein zumindest bei Frauen das Risiko eines Hörverlustes verringern.

Wie schadet Rauchen dem Gehör?

Die in Zigaretten enthaltenen Stoffe wie Nikotin und Kohlenmonoxid verringern den Sauerstoffgehalt und verengen die Blutgefässe im ganzen Körper – auch im Innenohr.

Dadurch können Gewebeschäden entstehen, die zu dauerhaftem, irreversiblem Hörverlust führen können. Es gibt aber auch hier gute Nachrichten. Zum Glück verschwindet das mit dem Rauchen verbundene übermässige Risiko für Hörverlust nach dem Aufhören relativ schnell wieder.

Welche Auswirkungen kann ein spezielles Hörtraining auf das Gehör haben?

Viele aktuelle Studien zeigen, dass ein regelmässiges computerbasiertes Training das Sprachverstehen vor allem bei Nebengeräuschen verbessert, weil die selektive Aufmerksamkeit und das Arbeitsgedächtnis trainiert werden.

Selbst nach zwölf Monaten waren die positiven Effekte eines multimodalen Trainings auf das Gedächtnis bei Personen im Alter von 65 bis 75 Jahren deutlich sichtbar. Deshalb unterstütze ich die Forderung nach einem speziellen Hörtraining für ältere Menschen mit Nachdruck.