«Menschen, die erst sehr spät einschlafen oder schon früh aufstehen müssen, geraten unter Druck, da sie bei unseren Arbeitszeiten nicht zu genügend Schlaf kommen», sagt Dr. med. Jürg Schwander, ärztlicher Leiter der Klinik für Schlafmedizin in Luzern und Bad Zurzach. Während des Schlafs wird die Leistung des Gehirns reduziert, der Muskeltonus baut sich ab. Dadurch können wir uns erholen. «Ein Schlafmangel ist immer verbunden mit einem Leistungsabfall, der von den Betroffenen oft über lange Zeit nicht bemerkt wird», betont Schwander. Entsprechende Studien würden eindeutig belegen, dass die Leistung von Kurzschläfern mit vier Stunden Schlaf geringer ist als diejenige von Langschläfern, die rund acht Stunden schlafen.


Ressource Schlaf

Was für jeden Einzelnen zutrifft, gilt erst recht für ein gesamtes Unternehmen. Bisher lassen sich Betriebe vor allem in der Schichtarbeit beraten. Diese kann bei Mitarbeitenden zu Schlafstörungen führen, was sich hinsichtlich Fehlerraten in der Produktion und Absenzen am Arbeitsplatz auswirkt. «Wir beobachten jedoch die Tendenz, dass Unternehmen die Ressource Schlaf als Investitionsfaktor entdecken und zunehmend im Sinne einer Präventionsmassnahme darin investieren», so Schwander. Direkte und indirekte Unternehmenskosten aufgrund der negativen Auswirkungen von Schlafstörungen könnten so reduziert werden.


Die richtige Diagnose

«Solange Kurzschläfer, die mit nur vier Stunden Schlaf auszukommen glauben, von der Gesellschaft als besonders leistungsfähig bewundert werden, geht vergessen, dass ein kurzer Schlaf unweigerlich zu einem Leistungs- und Konzentrationsdefizit führt», betont Schwander. Entscheidend sei, dass Schlafstörungen richtig diagnostiziert werden, damit sie adäquat behandelt werden können. Für eine erfolgreiche Behandlung braucht es eine ganzheitliche Ursachenerkennung sowie einen individuellen Therapieansatz. Einfachere Schlafstörungen lassen sich ambulant therapieren, komplexere Störungen müssen stationär behandelt werden. Bei Ein- und Durchschlafstörungen hilft oft eine kognitive Verhaltenstherapie. Treten dagegen massive Schlafstörungen auf, ist ein stationärer Aufenthalt zu empfehlen. Losgelöst von Berufs- und Alltagsverpflichtungen gelingt es den Patienten meist besser, mithilfe engmaschigen Betreuung zu einem verbesserten Schlafverhalten zu finden.


Probleme nicht im Bett lösen

«Ohne genügend Schlaf können wir uns nicht richtig erholen», betont der Burnout-Spezialist Dr. med. Jens Acker von der Klinik für Schlafmedizin in Bad Zurzach. Vielfach würden aber die berufliche Leistung und soziale Aktivitäten über die Erholung gestellt. «In allen westlichen Industriegesellschaften wird der Schlaf von vielen Menschen als notwendiges übel betrachtet.» Insbesondere die Fähigkeit, eine gelassene Haltung zu Alltagsproblemen zu behalten, sei wichtig für eine stabile Schlaffunktion, so Acker. «ärger, Sorgen und Anspannungen können emotional belasten und spielen eine entscheidende Rolle bei Schlafstörungen.» Probleme sollten deshalb ausserhalb des Bettes gelöst werden. Ein steigendes Anspannungsniveau bezeichnet Acker als eine der Hauptursachen für psychische Schlafstörungen. Bei einer hohen Leistungsbereitschaft im Alltag und hohen beruflichen Anforderungen bestehe häufig das Problem, dass Spannungszustände nicht rasch genug abgebaut werden können, um einen ungestörten Schlaf zu erreichen – ein wesentlicher Risikofaktor beim Entstehen psychischer Erkrankungen und stressbezogener Störungen.


In den Alltag einbauen

Der Burnout-Spezialist empfiehlt Betroffenen als erste Massnahme eine klare Strukturierung von Schlaf- und Wachzustand. Ins Bett gehen sollte man nur bei ausgeprägter Müdigkeit, am Morgen sei es sinnvoll, stets um die gleiche Zeit aufzustehen. Auch wer zu viel Zeit im Bett verbringt, tut sich keinen Gefallen. Von Alkohol als Einschlafhilfe rät Acker ab, ebenso von allzu schweren Mahlzeiten am Abend. Eine Psychotherapie erachtet er erst bei schlafmedizinischen Erkrankungen als indiziert, bei denen allgemein-medizinische Behandlungsmethoden keinen Erfolg bringen. Oft sei es sinnvoll, Entspannungsverfahren oder zum Beispiel Yoga, Tai Chi oder Qi Gong in den Alltag einzubauen. «Sie sollten aber nicht ausschliesslich zum Schlafanstoss eingesetzt werden.» Eine vorübergehende Einnahme von Schlafmitteln in angemessener Dosierung könne etwa durch den Hausarzt verordnet werden, sagt Acker. «Bei chronischen Ein- und Durchschlafstörungen ist der Nutzen aber äus-serst begrenzt. Verhaltenstherapeutische Massnahmen haben hier auf längere Sicht eine deutlich bessere Wirksamkeit.»

 

Christian Lanz
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