Ist Suizid immer noch ein Tabuthema?

Ja, aber es wird langsam besser. Früher war Suizid noch ein absolutes Tabu. Sogenannte «Selbstmörder» durften beispielsweise nicht auf Friedhöfen begraben werden. Heute spricht man offener über Suizid.

Das Thema löst aber verständlicherweise noch immer bei vielen Angst und Hilflosigkeit aus. Angehörige schämen sich aus Furcht vor Stigmatisierung oftmals, die Todesursache Suizid zu nennen.

Die Sprachlosigkeit ist das Hauptproblem. Sie erschwert die Suizidprävention. Öffentliche Kampagnen wie «Reden kann retten», an der Tel 143 auch beteiligt ist, sorgen hingegen dafür, dass das Thema im Gespräch bleibt. Wichtig ist die Einsicht, dass Suizid ein absolut menschliches Thema ist. Suizidalität ist kein Zeichen von Schwäche, sondern verweist auf schwere Lebensprobleme.

Wie entwickeln sich Suizidgedanken?
Wenn Menschen sich unter der Last vermeintlich unlösbarer Probleme sagen, dass sie so nicht mehr weiterleben möchten, beginnen Suizidgedanken zu kreisen. Wird die Spirale nicht unterbrochen, können die Gedanken überhandnehmen.

Hinter jedem Suizidversuch und Suizid steckt eine ganz persönliche Geschichte. Die Ursachen reichen von Depressionen, Persönlichkeitsstörungen und Suchterkrankungen über Vereinsamung, chronische Schmerzen und existenzielle Sinnkrisen bis zu Liebeskummer, Kränkungen, Enttäuschungen und Geldsorgen.

Meist ist es ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren.

Hat die Schweiz eine hohe Suizidrate?

In der Schweiz bringt sich etwa alle acht Stunden jemand um – jährlich gut 1000 Menschen. Das ist gesamteuropäischer Durchschnitt. Nicht eingerechnet sind die ebenfalls rund 1000 Menschen, die mit Sterbehilfeorganisationen aus dem Leben scheiden.

Zwei Drittel der Suizide werden von Männern begangen. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass Männer mehr Mühe haben, über Probleme zu sprechen und Hilfe zu suchen.

Die Schweizer Suizidrate ist zurückgegangen. Was sind die Gründe dafür?
Durch die Armeereform gibt es weniger Schusswaffensuizide. Zudem werden Suizidhotspots wie Brücken gesichert und psychisch Kranke besser versorgt. Auch die Stigmatisierung hat abgenommen.

Suizidale sind heute eher bereit, Hilfe anzunehmen. Es bleibt aber noch viel zu tun. Der Bund hat deshalb 2016 einen Aktionsplan zur Suizidprävention verabschiedet.

Wie erkennt man als Aussenstehender, ob jemand suizidgefährdet ist?

Da gibt es leider keine einfachen Antworten, so sehr man sich das wünschen würde. So können beispielsweise Angehörige, aber auch Fachleute nach einem Suizid ratlos zurückbleiben, weil es kaum Anzeichen gab.

Suizidgefährdete können dem Umfeld aber auch Chancen geben, zu reagieren. Grosse Hoffnungslosigkeit oder Rückzug können Warnsignale sein, aber auch selbstverletzendes Verhalten, oder wenn sich Menschen auffällig verabschieden. Wichtig ist, dass man gut hinhört und hinschaut.

Sollte man Suizidgefährdete direkt ansprechen?

Unbedingt, wenn der Verdacht auf Suizidgedanken besteht. Komplett falsch sind Befürchtungen, dass das Ansprechen des Themas Suizide überhaupt erst provoziert. Auch Moralisieren ist falsch. Lernen können wir von Menschen, die einen Suizidversuch hinter sich haben.

Für die meisten Betroffenen waren ein aufrichtiges Interesse und Gespräche eine grosse Entlastung. Es half ihnen, wenn ihnen jemand unvoreingenommen zuhörte und Interesse für ihren seelischen Schmerz zeigte.

Wie können sich Personen mit Suizidgedanken selbst helfen?

Viele Menschen haben gelegentlich Suizidgedanken. Das ist total menschlich und zu bewältigen, solange auch wieder positive Gefühle und Zuversicht möglich sind. Nehmen Suizidgedanken aber überhand, ist Selbsthilfe keine Option mehr.

Ein ganz niederschwelliges, einfach zu erreichendes Angebot ist Tel 143. Hier erleichtert vor allem auch die Anonymität den Zugang.

Wichtig sind aber auch Angebote wie Kriseninterventionszentren in grösseren Städten, Notfallpsychiatrien, Ambulatorien von psychiatrischen Kliniken sowie selbstständige Therapeuten und vor allem Hausärzte zur Erkennung von Depressionen.

Die Notrufnummer 143 für eine emotionale erste Hilfe wird in der ganzen Schweiz in allen Sprachregionen von 12 Regionalstellen aus betrieben. Rund 640 gut ausgebildete Freiwillige sorgen dafür, dass die Dargebotene Hand rund um die Uhr erreichbar ist. Daneben gibt es auch eine Onlineberatung per Chat und Mail  (www.143.ch).