Neurosen

Die traumatische professionelle Neurose wird durch ein einschneidendes Erlebnis hervorgerufen, etwa ein Stellenwechsel. Die Person fixiert sich auf das Erlebte, grübelt und wird von Albträumen geplagt

Die professonelle Psychoneurose findet ihren Ursprung in der Kindheit. Ein unverarbeitetes, vielleicht verdrängtes Erlebnis in der Kindheit wird am Arbeitsplatz erneut erlebt.

Die Diskordanz zwischen dem idealen und dem rellen ich kann zu einem Burnout führen. Die betroffene Person fühlt sich ausgelaugt, müde und reizbar. Die Unfähigkeit, den immer grösser werdenden Arbeitsberg abzuarbeiten, wird als Misserfolg wahrgenommen.

18:00 Uhr , die Arbeitskollegen sind bereits am Aufbrechen. Man selbst sitzt aber noch vor einer to-do-Liste, die noch nicht mal zur Hälfte abgearbeitet ist. Die Kinder warten in der Krippe, man sollte zuhause noch die Wäsche erledigen...Solche Tage kennen wir alle. Was aber, wenn diese Tage Alltag sind? Die geforderten Aufgaben nur mit Überstunden abzuarbeiten sind? Man weder dem Job noch der Familie gerecht wird?

Liberalismus auf dem Arbeitsmarkt

Die ständige Diskordanz zwischen geforderten Aufgaben und tatsächlicher Leistung erzeugt Stress. Der Mensch ist ein Tier, das stets das innere Gleichgewicht anstrebt.  Stress kann diese sogenannte Homöostase zerstören. Wird sie nicht wieder hergestellt, können schwere Krankheiten die Folge sein. Im Arbeitsumfeld können mindestens vier verschiedene Stressquellen ausgemacht werden. Die erste Stressquelle ist das Unternehmen selber. Struktur, Kultur, interne Spannungen: alles Faktoren, die das Individuum negativ beeinflussen können. Beispielsweise gibt es Unternehmen, die hire und fire grossschreiben und die Arbeitnehmer wie Papiertaschentücher einer Kleenexbox behandeln. Eingestellt, gebraucht, weggeworfen. Der Arbeitnehmer bringt so gut und solange er kann die höchste Leistung. Fällt diese ab, wird er ersetzt.  Dies macht Angst und schürt Stress im ganzen Unternehmen. Der Kollege wird zum Konkurrenten, die Zusammenarbeit zum Darwinismus. Die zweite Stressquelle im Unternehmen findet sich auf der interpersonellen Ebene. So kann es sein, dass ein Arbeitskollege oder ein Vorgesetzter für den empfundenen Stress verantwortlich ist. Auch Mobbing fällt unter diese Kategorie. Weiter kann auch die Aufgabe selber ein Stressfaktor sein. Der vierte Faktor ist die Persönlichkeit des Arbeiters. Dieser ist mehr oder weniger stressresistent.

Eustress und Distress

In der Wissenschaft unterscheidet man zwischen Eustress und Distress. Ersterer motiviert, der Zweitgenannte schadet dem Individuum. Es wird davon ausgegangen, dass es für jeden ein «opitmales Stressniveau» gibt, bei dem man am leistungsfähigsten ist. Wird dieses überschritten, nehmen Effizienz und Leistung rapide ab. Wenn die Aufgaben die eigenen Fähigkeiten kontinuierlich überschreiten, führt das zu Distress.  «Es ist eine Frage der Wahrnehmung. Die gleiche Stresssituation kann bei verschiedenen Personen Unterschiedliches auslösen. So kann es beispielsweise sein, dass Person A den Stressor als Bedrohung wahrnimmt, als negativen Stress, den sogenannten Distress. Person B wiederum sieht die Situation als Herausforderung an. Sie empfindet ihn als positiven Stress (Eustress), der ihr hilft, effizient und schnell zu arbeiten. Die Stresssituation an sich, ist somit nicht zwingendermassen schädlich. Es kommt darauf an, wie diese bewertet wird», sagt Professor Dr. Ulrike Ehlert der Universität Zürich. Höchstleistung etwa im Sport ist ohne Eustress gar nicht möglich. Die ständige Überforderung führt zu Ängsten (kann ich die Stelle behalten?) und zum Gefühl der Ohnmacht. In der Wissenschaft werden verschiedene Modelle von Stress diskutiert. Zentrale Punkte etwa scheinen Angst, Machtlosigkeit, ungenaue Aufgabenstellung, nicht klar abgegrenzte Position, Strategiewechsel in der Firma zu sein.

Stress kann tödlich enden

Biologisch kennt der Mensch bei Bedrohungen die Reaktionen von Flucht oder Angriff. Organisationspsychologisch wird die Bedrohung mit dem Stressfaktor oder der scheinbar unlösbaren Aufgabe gleichgesetzt. Wird keine Lösung für das Problem gefunden, treten Besorgtheit, Grübeln und Strategiewechsel auf. Führt diese immer noch nicht zu einer Lösung, können sich Gefühle wie Angst und Ängstlichkeit manifestieren. Das Individuum fühlt sich ohnmächtig und gehemmt. In einer Stresssituation schüttet der Körper die Hormone Cortisol und Adrenalin aus, die das Herz schneller schlagen lassen und den Körper auf Flucht oder Kampf einstellen. Dauerstress kann folglich zu chronischem Bluthochdruck führen. Diese Hypertonie verursacht Arterienverkalkung und diese ist nicht mehr weit vom Herzinfarkt entfernt. Tatsächlich sind Arteriosklerose, koronare Herzkrankheiten, Herzinfarkte, Schlaganfälle, Burnout und Depressionen ernstzunehmende Sress-Krankheiten. Wir alle kennen auch das Phänomen, in den langersehnten Ferien oder am Wochenende krank zu werden. Das Immunssystem wird unter Stress aktiviert. Ist die Stressphase vorbei, wird die Aktivierung zurückgefahren. Unsere Vorfahren wurden so vor allfälligen Verletzungen geschützt.

Der Stress, der zur Neurose führt

Ständige Erreichbarkeit, der rasante Wandel auf dem Arbeitsmarkt, stetig steigende Anforderungen und der enorme Zeitdruck haben als Resultat, dass Stress bei Schweizer Erwerbstätigen in den letzten zehn Jahren um 30 Prozent zugenommen hat. Laut Job-Stress-Index 2014 fühlt sich jeder dritte Arbeitnehmer häufig oder sehr häufig gestresst. Stress bei der Arbeit und Burnout werden fälschlicherweise als Synonyme benutzt. Burnout hat immer Stress als Ursache, allerdings führt Stress nicht immer zu einem Burnout. In der Wissenschaft wird von verschiedenen psychischen Erkrankungen gesprochen, die im Arbeitsumfeld vorkommen können und nahe mit dem Burnout verwandt sind. Als Überbegriff benutzt die französische Psychosoziologin Nicole Aubert «professionelle Neurosen» und unterscheidet zwischen der «traumatischen professionellen Neurose», «der professionellen Psychoneurose» und dem «Burnout». Während das Burnout in der Gesellschaft sehr bekannt ist, wird von den anderen zwei Typen kaum gesprochen. Die traumatische professionelle Neurose kann nach einem Stellenwechsel vorkommen. Die andere Arbeitssituation, die neue Umgebung, ungewohnter Stress etwa kann die Neurose hervorrufen. Das Konzept der traumatischen professionellen Neurose ruht auf drei Grundpfeilern. Die sogenannte Latenzzeit, nach dem Vorfall des traumatischen Ereignisses bzw. nach dem Stellenwechsel verbringt die Person mit Grübeln, sie versucht das Erlebte mit sich selber auszumachen. Die zweite Phase ist die Repetitionsphase, bei der das Individuum durch Albträume und Grübeln sich immer wieder mit dem Trauma beschäftigt und dieses allgegenwärtig wird. Der dritte Schritt ist die Reorganisation der Persönlichkeit. Die Person ist fixiert, sie grenzt sich ab.

Ein Problem der Lebensbewältigung

Bei der professionellen Psychoneurose ist ein schlimmes Erlebnis in der Kindheit ausschlaggebend. Bei der Arbeit konfrontiert die Person ein Vorkommnis, das sie an dieses Erlebnis erinnert. Das Burnout, von Aubert «Névrose d’excellence» , Exzellenz-Neurose genannt, ist das Auseinanderdriften von dem idealen ich und dem wirklichen ich. Das Burnout ist wissenschaftlich (noch) nicht als psychische Krankheit anerkannt. Lediglich gilt es als Problem der Lebensbewältigung. Die Symptome, die einem Burnout zugeschrieben werden, sind emotionale Erschöpfung,  Depersonalisierung und das Erleben von Misserfolg. Der emotional erschöpfte Arbeiter fühlt sich schwach, kraftlos, müde und matt. Antriebsschwäche und Reizbarkeit gehören zur Tagesordnung. Die Depersonalisierung äussert sich in zunehmender Gleichgültigkeit, die Arbeit wird folglich eine unpersönliche Routine. Das dritte Grundsymptom ist das Erleben von Misserfolg. Die Anforderungen steigen. Die Leistung bleibt gleich. Das Individuum erlebt diese Diskordanz als Misserfolg. In der klinischen Psychologie wird allerdings nicht mehr von Neurosen gesprochen.  «Der Begriff der Neurose findet heute im Kontext der kognitiven Verhaltenstherapie keine Verwendung mehr. Im Zentrum steht nicht nur die Suche nach Ursachen in der Vergangenheit, die zu einem Burnout geführt haben. Der Fokus in der kognitiven Verhaltenstherapie liegt darauf, was man im Hier und Jetzt tun kann. Welche Stresssituationen lösen was in mir aus und wie kann ich am besten damit umgehen?», sagt Ehlert.