Sie sind seit über zwei Jahrzehnten im Kampf gegen HIV/Aids aktiv. Was treibt Sie an?

Wie ich in meinem Buch «Love Is The Cure» beschrieben habe, war es der Aidsaktivist Ryan White, der mich zu meinem Engagement im Kampf gegen Aids bewogen hat. Ich habe ihn und seine Familie Mitte der Achtzigerjahre kennengelernt, kurz nachdem bei Ryan HIV/Aids diagnostiziert wurde.

Anstatt Unterstützung zu erfahren, wurde die Familie von Freunden, der Kirche und der Gemeinschaft geächtet und regelrecht terrorisiert. Trotz des vielen Hasses und der Ignoranz, die ihnen entgegengebracht wurde, haben sie sich entschlossen, mit Liebe und Verständnis zu reagieren. Am 8. April 1990, zwei Jahre nach der Diagnose, starb Ryan.

Damals habe ich mich entschlossen, meinem Leben einen neuen Sinn zu geben und meine Berühmtheit zu nutzen, um das Bewusstsein für diese schreckliche Krankheit zu wecken, so  wie es Elizabeth Taylor mit Amfar getan hat. Zwei Jahre nach Ryans Tod gründete ich schliesslich die Elton John Aids Foundation.

Glauben Sie, dass das Bewusstsein für HIV und seine Folgen in unserer Gesellschaft hoch genug ist?

Nein. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen noch immer denken, dass Aids entweder ein Todesurteil ist oder dass Aids geheilt werden kann. Weder das eine noch das andere ist wahr. Aids ist immer noch ein massiver Mörder und jährlich sterben über eine Million Menschen daran.

Bis vor wenigen Jahren war HIV ein Todesurteil. Dank der medizinischen Behandlungen hat sich das radikal geändert. Glauben Sie, dass diese Tatsache es schwieriger macht, gegen Aids zu kämpfen, weil die Leute die Krankheit nicht mehr ernst nehmen?

Nun, es gibt eine Menge Dinge, die unsere Aufmerksamkeit in der heutigen Welt brauchen. Der Klimawandel ist eine grosse Angst, Terrorismus und politische Stabilität. Daneben dürfen wir aber den Kampf gegen Aids nicht vernachlässigen.

Eine Früherkennung kann Millionen an Behandlungskosten sparen. Je früher Betroffene von der Infektion wissen, desto besser sind die Behandlungs- chancen

Vor 20 Jahren wurde eine hochwirksame Therapie vorgestellt, die es den behandelten Patienten ermöglichte, ihr Leben wieder selbst bestimmen zu können. Mit der Einführung dieser Therapie wurde ein neues Zeitalter eingeläutet, das es uns ermöglichte, unter anderem daran zu arbeiten, das Stigma und die Diskriminierung, welche mit der Krankheit einhergehen, zu bekämpfen, und uns Gruppen zuzuwenden, die besonders gefährdet sind, sich mit HIV anzustecken.

Selbstverständlich haben wir aber auch weiterhin Geld gesammelt, um die Prävention, die Behandlung und den Service für HIV-positive Menschen zu verbessern. Trotz der vielen Fortschritte dürfen wir nicht den Fuss vom Pedal nehmen und müssen weiter Präventionsarbeit leisten.

Das erklärte Ziel ist es, die Aids-Epidemie bis 2030 zu beenden. Was sind die grössten Herausforderungen, um dieses Ziel tatsächlich zu erreichen, und welchen Beitrag wird die Elton John Aids Foundation dazu leisten?

Einerseits muss der politische Wille vorhanden sein, dieser Krankheit Priorität zu geben und Mittel dafür zur Verfügung zu stellen. Eine Früherkennung kann Millionen an Behandlungskosten sparen.

Je früher Betroffene von der Infektion wissen, desto besser sind die Behandlungschancen. Jeder, der positiv auf HIV getestet wurde, muss sofort Zugang zu einer angemessenen medizinischen Behandlung bekommen. Das ist auch deshalb so wichtig, weil wir Belege dafür haben, dass das Risiko, andere mit dem Virus anzustecken, um 96 Prozent sinkt, sobald eine HIV-positive Person die entsprechende Behandlung erhalten hat.

Wir finanzieren Programme, die den am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen Priorität einräumen. Dazu gehören Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle (LGBT), inhaftierte Bevölkerungsgruppen, Sexarbeiter und injizierende Drogenkonsumenten. Besonders die Beteiligung der LGBT ist bei der Überwindung von HIV entscheidend.

Dies gilt insbesondere in Afrika, wo Angehörige sexueller Minderheiten noch häufig diskriminiert oder sogar strafrechtlich verfolgt werden. Das sind Menschen, die bereits im Schatten leben. Wir müssen dafür sorgen, dass sie nicht zurückgelassen werden. 2017 wollen wir noch viel mehr für sie tun.

Welchen Tipp können Sie Menschen geben, die gefährdet sind, sich mit HIV anzustecken, oder bereits mit HIV/Aids leben?

Am wichtigsten ist es, sich jedes Mal mit einem Kondom vor sexuell übertragbaren Krankheiten zu schützen. Sollte dies aus irgendeinem Grund nicht geschehen sein, gibt es eine vorbeugende Notfall-Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten.

Die Behandlung senkt das Risiko einer allfälligen Übertragung von HIV und muss innerhalb von 48 Stunden nach der Risikosituation begonnen und die Medikamente während 4 Wochen eingenommen werden. Diese Behandlung darf allerdings keinesfalls als Alternative zu Safer Sex verstanden werden.