Dass die körperliche Gesundheit am Arbeitsplatz erhalten werden muss, hat sich längst durchgesetzt und ist gesetzlich verankert. Wie steht es denn nun mit der psychischen Gesundheit?

Glücklicherweise stehen wir nicht mehr ganz am Anfang. Als ich noch vor wenigen Jahren mit Arbeitgebern über Massnahmen sprechen wollte, blieben viele Türen verschlossen.

Heute gibt es kaum noch Betriebe, die sich der Idee verweigern, dass die psychische Gesundheit ihr Recht am Arbeitsplatz hat. Denn man hat eingesehen, dass es auch das Unternehmen schwächt, wenn die Mitarbeiter krank werden.

Und wie kann der Arbeitgeber die psychische Gesundheit stärken?

Die Kanadier sind uns mit ihrem weltweit etablierten Programm «Guarding Minds at Work» weit voraus. Es legt fest, welche sozialen Stressfaktoren unsere Psyche beeinflussen.

Fehler kategorisch auszuschliessen, sorgt für Stress. Ebenso wie eine unstete Führungskultur

Etwa Angst als Führungsmittel oder die Angst vor dem Jobverlust. Überhaupt die Fehlerkultur: Es gibt ja keinen Betrieb, in dem nicht Fehler passieren. Diese kategorisch auszuschliessen, sorgt für Stress. Ebenso wie eine unstete Führungskultur: wenn mehrere Vorgesetzte sich über das Ziel nicht einig sind.

Der grösste Einflussfaktor ist, überhaupt den Zugang zu psychologischer Hilfe zu schaffen. Also eine unabhängige Anlaufstelle in der Firma zu schaffen. Grössere Unternehmen wie die Swisscom oder die Migros kennen eine solche Sozialberatung bereits. Auch der Bauverband des Kantons Genf hat sich zusammengetan, um diese Möglichkeit zu schaffen.

Welche Aufgaben sehen Sie bei der Geschäftsleitung?

Wichtig ist, dass sie die Entstigmatisierung von psychischen Krankheiten vorantreiben. Die Geschäftsleitung darf zum Beispiel nicht akzeptieren, dass in der Firma schlecht über jemanden gesprochen wird, der wegen einer Krankheit ausfällt.

Ein einfaches Merkblatt zur Firmenpolitik ist schon mal ein Anfang. Da der Vorgesetzte ein Vorbild sein sollte, muss er auch in dieser Hinsicht geschult werden. Üblicherweise sind die Chefs in den harten Führungsfaktoren gut ausgebildet.

Nur in den weichen Faktoren – wie man ein schwieriges Gespräch führt, und wie man Wertschätzung ausspricht – sind sie leider selten ausgezeichnet.

Und wie sorgt seinerseits der Arbeitnehmer dafür, dass der Chef nicht krank wird?

Manager sind übrigens nicht die Gruppe mit dem höchsten Burnout-Risiko. Es ist nach wie vor die alleinerziehende Reinigungskraft, die eher an einer Erschöpfungsdepression erkranken könnte.

Manager sind heute vor allem belastet, weil die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit fliessend sind. Ein Manager ist heute ein Grossteil seiner Zeit damit beschäftigt, Mails zu beantworten. Darum sollten sich auch Mitarbeiter bei jeder Mail überlegen, welchen Aufwand sie damit auslösen.

Der Begriff Burnout wird in diesem Zusammenhang inflationär benutzt.

Es gibt tatsächlich noch wenig treffende Begriffe für die Gesundheit am Arbeitsplatz.

Der Überbegriff Burnout – also chronische Stressbelastung ohne Regenerationsfähigkeit – muss für viele Belastungen herhalten, die ganz unterschiedlich sein können.

Viele Menschen verzichten darauf, den Chef anzusprechen, wenn sie überlastet sind, weil sie fürchten, dies könnte als Unfähigkeit verstanden werden. Wie macht man es richtig?

Erst einmal sollte man dem Chef ankündigen, man möchte die derzeitige Arbeitsbelastung mit ihm besprechen. Der Chef ist im Dilemma: Wenn er jemanden entlastet, muss er gleichzeitig mit dessen Arbeit einen anderen Mitarbeiter belasten.

Genau darum muss der Chef immer auf dem Laufenden sein, wie das «Belastungskonto» gerade bei jedem Mitarbeiter steht. Und zwar sollte er die berufliche ebenso wie die private Belastung kennen.

Denn einem frischgebackenen Vater sollte er kein neues Projekt anhängen. Aber sich merken, dass dieser Mitarbeiter in einem halben Jahr wieder belastungsfähiger sein wird. Wenn der Chef aber von diesen Situationen nichts weiss, wie soll er dann die Arbeitsverteilung planen?

An welchen Symptomen erkennt ein Chef eine Überarbeitung?

Wir alle haben Phasen, in denen wir mehr oder weniger leistungsfähig sind. Wichtig ist, dies präventiv anzusprechen und nachzufragen, wie der Stresspegel der Leute steht. Wer das regelmässig tut, wird nicht von plötzlich auftretenden Problemen überrascht werden.

Deutliche Warnzeichen sind Schlafstörungen. Und jede Form von Wesensveränderungen. Wenn also jemand gereizt reagiert, kurz angebunden ist.

Wie sollte der Chef reagieren, wenn jemand sich immer öfter krank meldet? Letztlich ist die Frage ja sehr persönlich.

Indem er den Mitarbeiter nach einer Krankheitsphase fragt, wie es ihm jetzt geht, statt einfach zum Alltag überzugehen. Für viele Betroffene ist dieses Nachfragen ein echter Türöffner, um ein permanentes Problem anzusprechen.

Umgekehrt ist es wichtig, Arbeit zu haben, damit man nicht krank wird – warum eigentlich?

Das ist ein klassisches «Schweizer Thema». Arbeit macht nicht krank, sondern das Gegenteil: Arbeit hält uns gesund. Arbeit gibt uns Struktur. Wir alle haben in einer Arbeitslosigkeit Mühe, den Tag zu gestalten.

Die Mehrheit unserer zwischenmenschlichen Kontakte ist an die Arbeitsstelle gebunden. Der wichtigste Grund für die Gesundheit aber ist: die eigene Identität durch die Aufgabe. Wir alle wollen gebraucht werden.

Und warum braucht man dann Ferien, um sich von der Arbeit zu erholen?

Die Errungenschaft der Ferien ist ja noch nicht so alt. Einmal durchatmen können ist wichtig. Der Durchschnittsschweizer schaut am Strand den Wellen zu. Weil er genau dann einmal unstrukturiert in den Tag hineinleben kann.

Die Amerikaner haben übrigens weniger Ferien als wir, unsere psychische Gesundheit ist darum nicht besser. Die Amerikaner haben ein sehr viel angstfreieres Arbeitsklima geschaffen, sie kennen die Konflikte am Arbeitsplatz weniger als wir.