Die Entstehung eines diabetischen Fusses ist meist schlecht eingestellter hoher Blutzucker. Oft leiden Patienten auch an hohem Blutdruck und gestörtem Fettstoffwechsel. Würde die Schweizer Bevölkerung auf Diabetes getestet, würden 30 Prozent der dabei festgestellten Diabetiker nichts von ihrer Krankheit wissen. «In der Regel leiden Patienten fünf Jahre an Diabetes, bevor ein Fuss geschädigt wird», sagt Thomas Böni, Teamleiter technische Orthopädie an der Zürcher Universitätsklinik Balgrist.

Kein Schmerzempfinden ist die Gefahr
«Entstehen Neuropathien im Fuss, verursachen sie heimtückischerweise eine Schmerzunempfindlichkeit. Das ist die grosse Gefahr beim diabetischen Fuss», sagt Böni, «denn den Patienten fehlt die Schutzfunktion, die sie spüren lässt, ob sie eine offene, infizierte Wunde erleiden oder ob der Schuh zu eng geworden ist. Sie verbrennen sich im Sommer die Füsse auf heissem Sand oder im Winter vor dem Cheminée, ohne dies zu merken. Sie spüren es nicht, wenn die Infektion weggeschnitten wird, aber sie leiden trotzdem nachts an brennenden Fusschmerzen.»

Kein Schweiss und trockene Haut
Auch das vegetative Nervensystem kann gestört werden. Der Fuss verliert die normale Schweissabsonderung, die Haut wird trocken, es kommt zu Hautrissen und dadurch zu Infektionen. Als dritten Gefahrenfaktor nennt Dr. Böni die motorische Neuropathie: Die kleinen Fussmuskeln werden nicht mehr durch den Nerv versorgt, bilden sich zurück und verursachen Krallen- oder Hammerzehen, sodass normale Schuhe nicht mehr passen, ohne dass die Betroffenen dies wirklich merken. Eine spezielle Erkrankung des diabetischen Fusses wurde durch den französischen Neurologen Charcot beschrieben. Sie bewirkt, dass die Knochen im Fuss zusammenbrechen.

Amputation gehört der Vergangenheit an
Eine Amputation diabetischer Füsse ist heute bei einer Infektion meist abwendbar. Vielleicht verliert der Patient eine Zehe oder einen Strahl, aber nicht mehr, betont Thomas Böni. Wichtig ist es, dass Diabetiker regelmässig zur Fusspflege gehen und ihre Füsse genau beobachten. Sind diese geschwollen oder sondern sie ein Sekret ab, , so muss der Fuss schleunigst behandelt werden. Die Mediziner müssen feststellen, welcher Art die Schädigung ist, ob sie verschlossene Arterien in den Unterschenkeln behandeln müssen oder ob eine andere Störung vorliegt, etwa eine Bewegungseinschränkung oder Fehlform. Bei einer Nervenschädigung muss nach einer behandelbaren Ursache, zum Beispiel Mangel an Vitamin B 12, gesucht werden.

Gips und Verbände
Ist der Blutzucker von Anfang an richtig eingestellt, tritt die Schädigung der Füsse kaum mehr auf. Macht sie sich dennoch durch eine offene Stelle bemerkbar, werden die Patienten zur Entlastung des Fusses mit Verbandschuh, Gips oder orthopädischem Schuhwerk versorgt. Beim Charcot-Syndrom erholen sich Knochen wie nach einem Bruch nach einigen Monaten wieder. Wie bei anderen Schädigungen des diabetischen Fusses bleibt jedoch eine Deformation zurück, die durch orthopädische Schuhe korrigiert werden kann.

 

Füsse jede Woche genau anschauen
Wer an Diabetes leidet und ein «Loch» im Fuss entdeckt, solle nicht zu Salben oder Pflastern greifen, sondern sich vom Hausarzt sofort einem Fuss-Chirurgen zuweisen lassen. «Das Hauptproblem ist, dass diese Schädigungen der Füsse keine Schmerzen verursachen und der Patient keine Therapie-Einsicht hat», sagt PD Dr. Arno Frigg. «Gerade deshalb ist ein Arztbesuch notwendig.» Neuropathien, die Schädigung der Nervenfasern im Fuss durch schlecht eingestellten Blutzucker, verursachen häufig Deformationen wie Krallenzehen, aber auch Knochenschäden, wie sie der Neurologe Charcot erstmals beschrieb. Beim sogenannten Charcot-Fuss bricht der Fuss unter der Schwerkraft zusammen und einzelne Knochen drücken unten aus der Fusssohle. Das Hauptproblem der Nervenschädigung aber ist, dass Druckstellen oder Fremdkörper im Schuh nicht mehr spürbar sind und so ein Loch in der Haut verursachen. Dieses sogenannte Ulcus infiziert sich dann, wenn man genug lange wartet, mit der gleichen Bakterien- und Pilz-Mischung, welche sich auf dem Strassenboden befindet. Wenn die Infektion sich ausbreitet, entsteht eine Katastrophe.

Blase vom Wandern kann eine Gefahr sein
Arno Frigg sieht in seiner Praxis mehr Männer als Frauen, die auch wegen einer Blase nach einer Wanderung oder langem Spazieren keinen ärztlichen Rat suchen, sondern zum Blasenpflaster griffen. Diabetiker müssten allerdings daran denken, dass ein Loch im Fuss nicht mehr unbedingt von selber heilt, sondern dass am Ende eine teilweise oder vollständige Amputation eines Fusses drohen kann, wenn die Schädigung unbehandelt bleibt. In der Schweiz gibt es keine Statistiken über Fuss-Amputationen, aber in Deutschland werden jedes Jahr 25 000 dieser Operationen durchgeführt. «Das sind mehr als bei Landminenopfern weltweit», sagt Frigg. In der Schweiz mit rund zehnmal weniger Einwohnern kommt man im Vergleich auf eine bedeutsame Anzahl.

Die Natur lässt nicht mit sich diskutieren
Um Schädigungen an diabetischen Füssen zu behandeln, brauche es, davon ist Dr. Frigg fest überzeugt, schnell ein Team von Spezialisten: Diabetologen, die den Blutzucker senken, Angiologen, die Gefässverschlüsse in den Unterschenkeln beheben, und  orthopädische Chirurgen mit Erfahrung, die beurteilen können, welcher diabetische Fuss konservativ mit Gips und orthopädischem Schuhwerk noch behandelt werden könne, oder bei welchen eine chirurgische Entfernung der Infektion und Korrektur einer Fehlstellung nötig werde, um eine Amputation zu vermeiden, oder bei welchen eine Amputation unumgänglich ist. Trotz aller Massnahmen drohen einem Prozent der Diabetiker jährlich einer Amputation, insbesondere wenn sie zu Hause zu lange selber «doktern». Ein Loch im Fuss sei immer ein Notfall, sagt Frigg, es sei immer ein Alarmsignal, das unter Umständen innerhalb von wenigen Stunden oder Tagen zu einer Katastrophe im gesamten Organismus eskalieren kann. Frigg: «Das ist, wie wenn ein Staudamm bricht.» Erfahrung in der Behandlung von diabetischen Füssen reduziert die Amputationsgefahr um 45 bis 85 Prozent. In den USA hat sich diese Rate dank spezialisierten Fuss- und Sprunggelenk-Kliniken in einzelnen Regionen bereits verringert. Insgesamt hat sich aber die Amputationsrate leider in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt. Dabei sind kleine Amputationen wie Zehen gleich häufig wie grössere Amputationen, etwa des Unterschenkels. «Die Natur lässt nicht mit sich diskutieren», warnt Frigg.

Die Füsse diabetischer Patienten sollten jeden Monat in der Praxis kontrolliert werden. Zum Schutz sollten Diabetiker ihre orthopädischen Schuhe immer tragen. Müssen sie nachts aufstehen, sollten sie spezielle Schuhe oder Sandalen anziehen und nie barfuss gehen. Auf einer Druckstelle lastet das 15- bis 20fache Körpergewicht. Bei ohnehin oft übergewichtigen Diabetikern kann dies schnell 1,6 Tonnen ausmachen. Auch wenn eine Druckstelle einmal abgeheilt ist, beträgt die Rückfallgefahr bis zu 85 Prozent. Sehr wichtig sei es, sagt PD Dr. Frigg, dass Diabetiker ihre Füsse und besonders die Fusssohlen mindestens einmal pro Woche genau anschauten. «Da sie durch ihre Krankheit meist auch einen grossen Teil der Sehkraft verlieren, müssen sie dies am besten von einer anderen Person machen lassen und beispielsweise Podologen, Partner oder Partnerinnen um diese Kontrolle bitten. Wird ein Ulcus sichtbar, muss ihn ein Spezialist begutachten.»