In der Schweiz ist die Verbreitung von HIV und Aids in der Allgemeinbevölkerung im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern relativ hoch...

Die Besonderheit der Schweizer Epidemie geht vermutlich auf das Zusammenfallen von repressiver Drogenpolitik und offener Drogenszene mit der Ausbreitung von HIV in den 1980er-Jahren zurück. Von HIV besonders betroffen sind heute in der Schweiz hauptsächlich Personen, die viele Partner haben und die sich nicht schützen und sich gleichzeitig in einer Gruppe bewegen, in der die HIV-Prävalenz weit überdurchschnittlich ist. Für einen Mann, der Sex mit Männern hat, ist in der Schweiz die Wahrscheinlichkeit, bei einem Gelegenheitskontakt auf einen anderen Mann mit HIV zu treffen, 100- bis 200-mal höher als im heterosexuellen Vergleichsfall. Kommt es hier zu ungeschütztem Analverkehr, dann ist das Risiko einer Übertragung sehr hoch. In solchen Settings kann es erstens zu Übertragungsketten kommen und zweitens können auch feste Partnerinnen und Partner von Personen betroffen sein, die wechselnde Partner haben.

Wo müssen wir beim Thema Prävention und Verhütung ansetzen?

Bei der schulischen Sexualaufklärung und bei den Männern. Aber nicht nur. Wichtig ist, dass die Gesamtbevölkerung für das Thema sensibilisiert bleibt. Zusätzlich braucht es leicht zugängliche, umfassende und zuverlässige Informationssysteme und die Kompetenz zur Selbstbeobachtung und Selbstreflektion im Bereich Sexualität. Unsere Erfahrungen zeigen, dass Prävention im Bereich der sexuellen Gesundheit grundsätzlich dann wirkungsvoll ist, wenn sie Sexualität positiv und wertschätzend thematisiert. Dazu gehört auch, dass Tabus und heikle Themen offen und sensibel angesprochen werden. Und ganz wichtig: Prävention im Bereich der sexuellen Gesundheit muss immer zielgruppengerecht sein. Das gilt für Jugendliche ebenso wie für andere spezifische Gruppen.

Wie sieht es bei anderen meldepflichtigen sexuell übertragbaren Infektionen (STI) wie etwa Syphilis aus?

Generell gilt für die leicht übertragbaren STI, dass sich kleine Veränderungen beim Schutzverhalten rasch auf die Zahl der Neuinfektionen auswirken. Weiter ist zu berücksichtigen, dass im Unterschied zu HIV ein erheblicher Teil von Personen mit einer STI nie einen Test machen, weil die Symptome zu wenig beachtet oder zu wenig ernst genommen werden oder weil ein Teil der STIs von selbst ausheilt, auch nachdem sie schon übertragen worden sind. Deshalb kann nicht eindeutig festgemacht werden, ob STI-Trends eher auf die Zahl von Neuinfektionen oder von Neudiagnosen zurückzuführen sind.