Was bedeutet eine HIV-Diagnose heutzutage für die Betroffenen?
Wenn Patienten rechtzeitig einen Arzt aufsuchen und die Medikamente während der Therapie über Jahrzehnte zuverlässig einnehmen, ist die Prognose für einen Infizierten sehr gut. Die Lebensaussichten haben sich stark verbessert. Ob die Lebenserwartung gleich hoch ist wie bei einem gesunden Menschen, können wir heute noch nicht sagen.
Was immer noch ähnlich geblieben ist, ist das von den Patienten erlebte Stigma der Krankheit. Nach wie vor ist die Diagnose meist eine grosse Belastung für die ­Betroffenen.

Was heisst es konkret, «rechtzeitig» einen Arzt aufzusuchen?
Das heisst, dass die Abwehr bei Therapiestart noch nicht geschädigt ist. Schwierig wird es, wenn Patienten fast keine Abwehrzellen mehr haben. Dann ist trotz Therapie die Sterblichkeit erhöht. Aus diesem Grund sind vermehrte HIV-Tests so wichtig. Nur so können noch unentdeckte HIV-Infektionen frühzeitig entdeckt werden.

Plädieren Sie für HIV-Routinetests?
Ja, auf jeden Fall – Routine heisst aber nicht, dass der Arzt nicht informiert. Patienten sollen auf die Möglichkeit eines Tests hingewiesen werden. Allermeist wird der Test nämlich nicht abgelehnt. Unter Experten ist es unumstritten, dass die Tests ausgeweitet werden müssen, das heisst, vor allem, wenn es die medizinische Situation verlangt. Denn unentdeckte HIV-Infektionen sind für ein Individuum bei so guten Therapien sehr ungünstig und tragen zur Ausbreitung bei.

Wie wird die Krankheit heute ­behandelt?
Aus etwa 25 Medikamenten, die zur Verfügung stehen, wird eine Dreierkombination ausgewählt. Dabei können zwei oder gar alle drei Medikamente in der gleichen Tablette enthalten sein. Diese Medikamentenkombination muss jeden Tag eingenommen werden und führt dazu, dass die Virusvermehrung völlig unterdrückt wird. Bei etwa 30 Prozent der Patienten muss die Therapie wegen unangenehmer Nebenwirkungen angepasst und Medikamente müssen auswechselt werden.

Gibt es neue Erfolge in der ­Forschung, die optimistisch stimmen?
Medizingeschichtlich ist gesamthaft der Fortschritt bei der Aidsforschung wohl einer der grössten überhaupt. In den letzten 16 Jahren hat sich unglaublich viel getan. Und weiterhin wird intensiv geforscht. So wurde in den USA beispielsweise ein Programm neu gestartet, das sich mit der Heilung von HIV beschäftigt. Ausserdem wird an Medikamenten geforscht, die nicht nur eine Wirkung für einen Tag, sondern länger haben. Bei der Impfung hat man zwar neue Erkenntnisse gewonnen, jedoch zeigen diese, dass es sehr schwierig sein wird, einen Impfstoff gegen HIV zu entwickeln.

Bergen diese Fortschritte auch die Gefahr, dass die Leute wieder ­weniger vorsichtig sind?
Die Sorglosigkeit hat zugenommen. Das zeigen auch Studien aus Amerika. Trotzdem können wir die medizinischen Fortschritte nicht einfach verheimlichen. Es sind heute neue Konzepte gefordert. Beispielsweise zeigen neue Studien, dass Therapien mit Senkung der Viruslast die Übertragungsrate signifikant senken.

Wie kann man sich am besten auf die Diagnose einstellen?
Dies müssen Patienten beantworten – wir können hier nur unterstützend wirken. Die meisten HIV-Patienten sterben heute nicht mehr an HIV, sondern an einer anderen Krankheit. Deshalb ist ein gesunder Lebensstil wie gute Ernährung und Bewegung wichtig. Gleichzeitig wird damit das Risiko eines Herzinfarkts, das bei HIV-Patienten wahrscheinlich leicht erhöht ist, gesenkt. Für die Psyche ist es sicher gut, wenn sich Betroffene nicht ganz verschliessen und sich nahen Freunden und Verwandten anvertrauen können. Als Betreuende erleben wir, dass dies häufig eine Erleichterung mit sich bringt. Auch professionelle Hilfe durch eine Beratungsstelle wie die AIDS-Hilfe, Psychiater oder einen Psychologen können sinnvoll sein.