Prof. Vernazza, ist die Gefahr einer HIV-Ansteckung in den Ferien erhöht?

Tatsache ist, dass Menschen in den Ferien ein unbeschwertes Leben führen und manchmal nach Abenteuern suchen. Dazu können auch sexuelle Kontakte gehören.

Damit ist die Möglichkeit von sexuell übertragbaren Krankheiten grundsätzlich erhöht. Geschlechtskrankheiten wie etwa eine Gonokokkeninfektion, bekannt als Tripper, sind jedoch viel häufiger als eine HIV-Ansteckung.

Tripper ist im Moment zwar unangenehm, lässt sich jedoch gut behandeln. Wichtig, dass man sich frühzeitig behandeln lässt, um niemanden anzustecken. In der Praxis erlebe ich sehr oft Patientinnen und Patienten, die mit sexuell übertragbaren Krankheiten aus den Ferien heimkehren. Deshalb gilt besonders auch im Urlaub: Kondome einpacken nicht vergessen!

Wenn es im Rausch der Hormone dennoch zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr gekommen ist. Was raten Sie jenen Personen?

In diesem Fall sollte man sich sofort untersuchen und testen lassen! Und zwar nicht nur auf HIV, sondern auch auf andere Geschlechtskrankheiten.

Ist das Risiko einer HIV-Ansteckung sehr gross, kann auch eine sogenannte PEP (Postexpositionsprophylaxe) verabreicht werden. Hierbei nimmt man innert 48 Stunden nach dem HIV-Risiko, während eines Monats, ein Medikament zur Verhinderung einer HIV-Infektion ein.

Wie haben sich die Behandlungsmöglichkeiten bei HIV in den letzten Jahren entwickelt?

Seit 20 Jahren gibt es hochwirksame Therapien gegen HIV, welche die Viren im Körper vollständig stoppen.

Mit den heutigen Therapien können die Betroffenen ein weitgehend normales Leben führen und haben eine gute Lebenserwartung. Sie sind nicht mehr ansteckend und können angstfreien Sex erleben.

Auch eine Schwangerschaft ist möglich. Die Therapie wird in der Regel sehr gut vertragen. Allerdings sind Langzeitnebenwirkungen nicht ausgeschlossen. Diese spürt man zwar nicht, können jedoch schleichend die Nieren und Knochen schädigen sowie den Alterungsprozess beschleunigen.

Vor 30 Jahren bedeutete HIV ein Todesurteil, heute lässt sich ein normales Leben führen. Spüren Sie im Umgang mit HIV eine gewisse Nachlässigkeit?

Den Begriff Nachlässigkeit brauche ich nicht gerne. Möglicherweise nimmt man heute aber mehr in Kauf als vor 30 Jahren. Damals war klar: Wenn ich HIV bekomme, sterbe ich.

HIV ist heute vorwiegend ein Problem von homosexuellen Männern. Es gibt  für Menschen mit hohem Infektionsrisiko die Möglichkeit einer sogenannten «Präexpositionsprophylaxe», kurz PrEP – auf Deutsch: «Vor-Risiko-Vorsorge».

Dieses HIV-Medikament nimmt man während der Zeit, in der man sexuell aktiv ist und hat damit einen zuverlässigen Schutz vor HIV.

Gibt es für Menschen mit HIV noch immer Einreisebeschränkungen?

Solche Einreisebeschränkungen gibt es in einigen wenigen Ländern noch. Allerdings gelten diese vorwiegend für Menschen, die für längere Zeit im Ausland bleiben möchten.