Herr Stadler, wie steht es um den Impfschutz von uns Schweizern?

Ganz schlecht! Fast jeder zweite Schweizer hält seine Impfungen nicht auf dem aktuellen und vom Bundesamt für Gesundheit empfohlenen Stand. Nur gerade 57 Prozent verfügen über einen genügenden Impfschutz.

Diese Zahlen sind bedenklich. Impfen ist meiner Meinung nach ein humanistischer Akt. Man impft sich, damit man niemanden ansteckt. Heute möchten alle jung, gesund und schön sein – nur impfen möchten wir uns nicht. Für mich ist das ein absoluter Widerspruch.

Welches sind mögliche Gründe für diese Impf-Nachlässigkeit?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Ein Teil verweigert tatsächlich kategorisch das Impfen und lässt sich kaum vom Nutzen einer Impfung überzeugen. Allerdings zeigt sich, dass diese Gruppe in ihrer Meinung nicht konsequent ist – denn die Starrkrampfimpfung ist auch bei ihnen breit akzeptiert.

Nur gerade 57 % verfügen über einen genügenden Impfschutz

Ein weiterer Teil impft aus Nachlässigkeit und Unwissen nicht. Bei dieser Gruppe ist der Impfschutz nicht auf dem aktuellen Stand, weil sie sich schlicht nicht darum kümmern.

Diese Gruppe ist wohl am empfänglichsten für Impfkampagnen. Alarmierend ist, dass der Impfschutz auch bei Ärzten und Pflegepersonal teilweise ungenügend ist. Wer im Spital arbeitet, muss durchgeimpft sein. Ansonsten riskiert er das Leben anderer. Studien zeigen: Am besten kümmern sich jene um ihren Impfschutz, die viel reisen.

Die Angst vor Impf-Nebenwirkungen ist allgemein gross und es ranken sich zahlreiche Mythen darum ...

Impfungen sind ein Klacks fürs Immunsystem. Die Zusammensetzung der Impfstoffe hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Die Pharmaindustrie hat reagiert und viele Zusatzsubstanzen aus dem Impfstoff entfernt, die im Verdacht standen, Nebenwirkungen auszulösen.

Es gibt keine einzige Nebenwirkung, die stärker ist als die potenziellen Nebenwirkungen der Krankheit. Impfungen sind daher in jedem Fall harmloser als das Durchstehen der Erkrankung. Impfgegner spielen mit der Angst und haben rational nichts zu bieten. Es gibt nicht ein vernünftiges Argument gegen das Impfen.

Die Grippesaison steht vor der Türe und damit die Frage impfen oder nicht impfen ... Was empfehlen Sie?

Impfen! Und das empfehle ich allen. Wer geeimpft ist, hat in den allermeisten Fällen einen Schutz. Alle sollten sich impfen, um andere Risikogruppen zu schützen. Man impft sich, um niemanden anzustecken, und man impft sich nicht, um sich selbst zu schützen!

In welche Richtung werden sich Impfungen in Zukunft entwickeln?

Eine zentrale Bedeutung werden Impfungen zur Prävention von Krebs haben. Schon heute können wir uns mit einer Hepatitis B Impfung vor Leberkrebs schützen, eine Impfung gegen HPV-Viren verringert das Risiko, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken.

Und das ist erst der Anfang! Hier werden in Zukunft grosse Fortschritte erzielt werden. Auch die Antikörpertherapie zur Behandlung verschiedener Erkrankungen erzielt stetig Fortschritte und bringt grosse Hoffnungen mit sich.