Herr Dr. Schmid-Grendelmeier, wie sehr sind Tierallergien verbreitet?

Rund 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung in Mitteleuropa sind schätzungsweise davon betroffen. Auch diese Allergien nehmen immer weiter zu.

Worauf führen Sie das zurück?

Neben der Vererbung spielen unter anderem immer hygienischer werdende Lebensformen eine Rolle. So sind statistisch Kinder, die auf dem Land oder direkt auf einem Bauernhof gross werden, weniger von Allergien betroffen als Stadtkinder. Der Kontakt mit Mist und Keimen kann also auch gesund sein. Heute sind wir immer weniger Bakterien ausgesetzt, die das Immunsystem entsprechend stimulieren.

Warum reagieren manche Menschen auf Tiere allergisch und andere überhaupt nicht?

Das Immunsystem spielt eine zentrale Rolle. Dieses soll unseren Organismus vor schädlichen Eindringlingen schützen. Es befindet sich ständig in einer Balance aus Akzeptanz und Abwehr. Durch erbliche Faktoren, übertriebene Hygiene und andere Faktoren kann diese gestört werden. Vereinfacht gesagt: Je weniger Eindringlinge es gibt, desto mehr langweilt sich das Immunsystem und kommt auf die dumme Idee, gegen eigentlich harmlose Stoffe eine Allergie zu produzieren.

Was genau löst die Beschwerden beim Kontakt mit einem Tier aus?

Die Allergene sind meist nicht die Tierhaare, sondern Schuppen, Speichel oder Urin. Sie gelangen durch die Atemluft in den Körper – über die Nase, die Augen und in die Lunge.

Gibt es Haustiere, die besonders allergen sind?

Die Katzenallergie ist am heikelsten. Sie wird durch einen Eiweiss-Stoff im Speichel ausgelöst, der sehr leicht ist und sehr lange haftet. Dadurch ist er sehr lange in Räumen vorhanden. Katzenallergiker sind meist gegen alle Rassen allergisch, während es bei Hundeallergien auch rassenspezifische Unterschiede geben kann.

Kann eine Tierallergie plötzlich im Leben auftreten?

Ja, aber sie bahnt sich schon Wochen vorher an, ohne dass der Betroffene es merkt. Das Immunsystem stimmt sich gewissermassen auf die Abwehrreaktion ein. Bis zu 45 Prozent der Menschen tragen die Veranlagung in sich. Die Allergie muss nicht ausbrechen, kann aber, vor allem in Lebensphasen, in denen das Immunsystem aus unterschiedlichen Gründen beeinflusst ist. Umgekehrt kann eine Allergie aber auch wieder verschwinden.

Welche Symptome weisen auf eine Tierallergie hin?

Während des Kontaktes können wässriges Nasenlaufen, Bindehautentzündung mit meist beidseits roten und juckenden Augen oder asthmatische Anfälle auftreten.

Wie genau lassen sich die Allergene bestimmen?

Mit einem Haut-Allergietest lässt sich sehr präzise eingrenzen, ob der Patient auf Katze, Hund oder Pferd reagiert. Mit einer Blutuntersuchung kann man sogar die im Blut zirkulierenden Immunglobuline nachmessen, die durch eine allergische Reaktion freigesetzt werden, und genau bestimmen, auf welchen Stoff der Patient allergisch ist.

Ist die Allergie mit Medikamenten in den Griff zu kriegen?

Bei leichten Symptomen reicht es, die Medikamente nur bei Bedarf einzunehmen. Bei schwereren oder langanhaltenden Allergien ist die regelmässige Medikamenteneinnahme wirksamer. In manchen Fällen hilft es aber leider nur, den Kontakt zum Tier zu vermeiden – oder die Möglichkeit einer Desensibilisierung zu prüfen.

Ist die Tierhaarallergie vergleichbar mit der Hausstaubmilben-Allergie?

Der wichtigste Unterschied ist natürlich, dass man den Milben nicht ausweichen kann. Die sind wirklich überall, wo es warm, feucht und dunkel ist. Milben ernähren sich von den menschlichen Hautschuppen. Der auslösende Stoff findet sich am Kot der Milben und wird vom Menschen eingeatmet. Die Milben findet man vorwiegend im Bett, denn dort verliert der Mensch die meisten Schuppen. Es sind pro Nacht rund ein halbes bis ein Gramm. Damit füttert man etwa eine halbe Million Milben.

Wie äussert sich eine Milben-Allergie?

Typischerweise hat der Milben-Allergiker morgens Beschwerden. Er erwacht mit zugeschwollenen Augen und einer verstopften Nase. Aber auch mit Asthma-Anfällen beim Sport kann sich die Allergie bemerkbar machen.

Gibt es noch milbenfreie Zonen?

In grossen Höhenlagen, ab 2000 Meter oder auch in bestimmten Meeresregionen, dort wo die Luft eben sehr trocken ist, gibt es kaum mehr Milben. Allergikern geht es dort deutlich besser.

Werden derzeit neue Therapieformen erforscht?

Vor allem im Bereich der Desensibilisierung sind neue Ansätze in der Erprobung. Vielleicht wird es bald möglich sein, die eigene Katze zu impfen, so dass ihr Immunsystem den allergenen Stoff gar nicht mehr produziert. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Sind Tierallergien gefährlich?

Es liegen häufig Kreuzallergien auf Nahrungsmittel vor, die sogar einen allergischen Schock auslösen können. Eines der Milben-Eiweisse kommt beispielsweise auch in Meeresfrüchten vor. Mit einer Blutuntersuchung kann der spezialisierte Arzt solche Allergieneigungen heutzutage nachweisen.