Irene Dingeldein, was empfehlen Sie als Jugendgynäkologin jungen Frauen, wenn der Kinderwunsch stärker wird?

Schwangerschaft ist grundsätzlich noch immer eher kurzfristig geplant. Falls möglich, sollte schon drei Monate vor der Schwangerschaft an die Folsäure-Prophylaxe gedacht werden.

Warum ist diese Empfehlung so wichtig?

Während der Schwangerschaft braucht die Mutter mehr Folsäure, die dem Baby hilft, das Neuralrohr zu entwickeln; die erste Entwicklungsstufe unseres Nervenssystems. Das Vitamin Folat verkleinert nachgewiesenermassen die Fehlbildungsrate durch offenen Rücken (Spina bifida).

Kann die empfohlene Menge Folat über die normale Nahrung aufgenommen werden?

Blattgemüse ist eine gute Nahrungsquelle, eine tägliche Schüssel Salat, Rosenkohl, Kartoffeln, Broccoli. Aber es ist schwierig, die notwendige Menge allein über gesunde Ernährung zu bekommen. Das hängt stark mit den Essgewohnheiten in unserer Gesellschaft zusammen.

Wir weisen eher einen Mangel auf. Darum empfehlen wir in der Regel Folsäure-Präparate, erhältlich in Apotheke und Detailhandel. 

Wie wird dem zusätzlichen Eisenbedarf Rechnung getragen?

Gleich zu Beginn der Schwangerschaft kontrollieren wir die Eisenreserve und behalten die Hämoglobinproduktion für Mutter und Kind im Auge. Auch hier helfen Präparate, den Bedarf von 30 mg pro Tag zu decken, wenn Lebensmittel wie grünes Gemüse, Hülsenfrüchte usw. nicht ausreichen.

Frauen, die zu wenig Eisen haben, können an Blutarmut (Anämie) erkranken. Wie kann die Mutter dies selbst feststellen?

Durch Müdigkeit, Kurzatmigkeit, Haarausfall, offene Mundwinkel, was vor allem im zweiten Drittel der Schwangerschaft zum Vorschein kommen würde. Im Extremfall kann beim Kind eine Wachstumsstörung auftreten.

Während der Geburt kann es zu nicht vorhersehbaren Blutungen kommen. Studien zeigten, dass es für das Kind deutlich gesünder ist, wenn während der Schwangerschaft genügend Hämoglobin entwickelt wurde.

Ensteht durch diesen „Vorsorgeplan“ nicht wiederum eine Erwartungshaltung, „schwanger zu werden“, eben genau der Druck, der zu vermeiden wäre.

Richtig, genau solcher Druck soll verhindert werden. Ich mache ungern Vorschriften. Die jungen Frauen haben ja genügend Zeit, ihre Uhr tickt nicht sehr laut. Darum informiere ich gern frühzeitig: wenn der Kinderwunsch grösser wird, Folsäure-Vorrat anlegen. Und wenn die Schwangerschaft geplant ist, Infektionen abklären.