Ökonomisches Potenzial

Die Unternehmen realisieren aufgrund ihrer Abwesenheitsstatistiken nach und nach, dass psychisch kranke, erschöpfte und unmotivierte Mitarbeitende auf dem Weg zum angestrebten Erfolg nicht hilfreich sind. So bestätigt die Job-Stress-Index-Studie von Gesundheitsförderung Schweiz, dass fast ein Viertel der Arbeitstätigen ziemlich bis stark erschöpft sind.

Weitere 46 Prozent liegen in Bezug auf die Erschöpfung im sensiblen Bereich. Der Job-Stress-Index drückt das Verhältnis zwischen Belastungen und Ressourcen, also Möglichkeiten gegen diese Belastungen, aus.

«Wichtig ist, dass die Ursachen von Schlafstörungen angegangen werden»

Auch das ökonomische Potenzial weckt auf – dieses wird für die Betriebe in der Schweiz im Jahr 2016 auf rund 5,7 Milliarden Franken geschätzt. Berücksichtigt wird dabei einerseits die verbesserte Arbeitsleistung durch weniger gesundheitliche Probleme während der Arbeit.

Anders ausgedrückt spricht man von Minderleistung durch Präsentismus, also von Personen, die zwar der Arbeit nachgehen, jedoch nicht ihre volle Leistung bringen. Hinzu kommt die Reduktion von Fehlzeiten. Dabei ist interessant zu wissen, dass über 80 Prozent des Potenzials für eine Verbesserung beim Präsentismus zu finden ist.

Ursachenanalyse oder Symptombekämpfung?

Aufgrund der Faktenlage und der Erfahrungen mit verschiedenen Krankheitsfällen gehen Unternehmen das Thema «Gesundheit der Mitarbeitenden» immer häufiger an. Zahlreiche Massnahmen werden angeboten. Neben «step competition» und Führungsschulungen sind auch Schlafseminare im Trend. Die Auseinandersetzung mit dem Thema «Schlaf» ist auf jeden Fall notwendig.

Wichtiger erscheint jedoch, dass die Ursachen von Schlafstörungen angegangen werden. Die Vielschichtigkeit der Zusammenhänge verlangt eine ganzheitliche Sichtweise. Welches sind die Belastungen? Sind sie psychischer Natur? Können sie durch neue individuelle Kompetenzen der Mitarbeitenden aufgefangen werden? Können sie durch die Vorgesetzten oder den Betrieb reduziert oder verhindert werden? Diesen Fragen lohnt es sich nachzugehen.

Mitarbeitendenbefragungen zum Thema psychische Gesundheit, Workshops oder die Einführung gesundheitsspezifischer Arbeitsgruppen sind – immer angepasst an die organisationale Situation – geeignet, um den Puls der Belegschaft zu fühlen.

Erst durch eine ganzheitliche Betrachtung zum Beispiel im Rahmen eines systematischen Gesundheitsmanagements können die Ursachen eruiert und mit den zielgerichteten Massnahmen am richtigen Rad gedreht werden. Dabei ist auf ein ausgewogenes Verhältnis zu achten zwischen Massnahmen, welche die Stärkung der Mitarbeitendenverantwortung zum Ziel haben, und Massnahmen, welche die betrieblichen Rahmenbedingungen verändern.

Power-Nap und Ruheraum

Die Erholung und damit auch Schlaf ist im Zusammenhang mit (Arbeits-)Leistung sehr relevant. Mit verschiedenen Massnahmen wird die Regeneration während der Arbeit gefördert. Ruheräume entstehen, Mikro-Pausen werden promotet, Entspannungsangebote stehen zur Verfügung.

Sämtliche Konzepte sind jedoch nur so viel Wert wie die Haltung, die dahintersteckt. Wenn Manager prahlen, wie wenig Schlaf sie brauchen und wie es ihnen gelingt, einen langen Tag ohne Pause durchzustehen, tun sich viele Mitarbeitenden schwer, Power-Naps zu machen oder Ruheräume zu benutzen. Es geht darum, dass man an die Wichtigkeit der Erholung und die gesundheitsfördernden Massnahmen glaubt. D

iese Haltung ist in der Wirtschaft noch nicht überall etabliert. Angesichts des ökonomischen Potenzials von 5,7 Milliarden Franken sollten wir Gefallen finden an dieser Haltung. Und vielleicht sind dann Sprüche unter Arbeitskollegen wie «Schläfst du schon?» plötzlich positiv bewertet.