Die Bevölkerung in der Schweiz ist sexuell aktiv: 89 Prozent geben an, während der letzten 12 Monate Sex gehabt zu haben. Gleichzeitig zeigen die Meldedaten des BAG für die sexuell übertragbaren Infektionen, dass es 2013 zwar nicht mehr HIV-Diagnosen gegeben hat, dass sich aber die anderen Infektionen, allen voran Chlamydien und sogar die vergessen geglaubte Syphilis weiter ausbreiten. Und wussten Sie, dass sich heterosexuelle Frauen vor allem in der festen Partnerschaft infizieren, während es bei Männern beim Gelegenheitssex passiert? Ein Grund mehr, diesen Sommer die Kondome bereitliegen zu haben, egal, ob in fester Partnerschaft oder neuer Badibekanntschaft. Die Sonderbeilage zur Sexualität, die Sie in Ihren Händen halten, soll Ihnen sommerlich lustvoll einen Überblick über das Thema bieten. Vom prickelnden Gefühl über das Wissen zur Sexualität und Fragen der Verantwortung bis hin zu den Themen der Prävention und Verhütung. Es geht also um uns alle: Uns Menschen als einzelne sexuelle Wesen ebenso wie um das grosse Ganze, also den Zusammenhang zur sexuellen Gesundheit und zu den sexuellen Rechten in unserer Gesellschaft.
 

Sexuelle Gesundheit und Rechte

Sex ist schön! Aber ein Recht darauf gibt es nicht und man wird auch nicht automatisch gesund davon. An den Anfang gehört eine einfache Tatsache, die alle verstehen. Wir Menschen sind von Geburt an sexuelle Wesen. Ein sexuelles Wesen zu sein bedeutet, einen Körper (und Geist!) zu haben, der zu sexuellen Empfindungen fähig ist. Und sexuelle Empfindungen sind all jene, bei denen die Nähe zum eigenen oder zu einem anderen Körper, sei es auch nur in der Phantasie, uns angenehme Regungen beschert. Es ist klar: Sexuell gesund zu sein beinhaltet viel mehr, als schönen Sex zu haben. Sagen wir einfach: Sexuell gesund ist, wer sich in seiner Haut wohlfühlt, allein oder zusammen mit einem anderen Menschen, und wer davon ausgehen kann, dass er oder sie in diesen Regungen so sein darf, wie man sein möchte. Wer so empfindet, wird auch eher dazu neigen, andere Menschen zu verstehen. Ungefähr so sehen das auch die Gesundheitsorganisationen. Damit sind wir schon bei den sexuellen Rechten. Wer sich selber als sexuelles Wesen achten kann, wird auch gegenüber anderen Menschen achtsam sein und ihre Bedürfnisse respektieren.

«Sexuelle Gesundheit setzt einen positiven und respektvollen Zugang zu Sexualität und sexuellen Beziehungen voraus, ebenso wie die Möglichkeit, genussvolle und risikoarme sexuelle Erfahrungen zu machen.»


Gesund zu sein und Rechte zu haben ist aber leider nicht nur durch guten Willen und verständnisvolle Mitmenschen erreichbar. Es braucht auch eine Gesundheitsversorgung, die Mittel der Prävention und der Medizin, für alle zugängliche objektive und vollständige Informationen und eine Politik und eine Gesellschaft, die bereit sind, Menschen auch als sexuelle Wesen zu erkennen. Sexuelle Gesundheit setzt also einen allgemeinen positiven und respektvollen Zugang zu Sexualität und sexuellen Beziehungen voraus, ebenso wie die Möglichkeit, sexuelle Erfahrungen zu machen, die frei sind von Gesundheitsrisiken, Diskriminierung und Gewalt. Das lässt sich nur erlangen, wenn die sexuellen Rechte aller Menschen beachtet und erfüllt werden. Bereits das Aktionsprogramm von Kairo, das 1994 an der UNO-Konferenz zu Bevölkerung und Entwicklung von 179 Regierungen, darunter der Schweiz, verabschiedet wurde, geht von einer entsprechenden Definition sexuelle und reproduktive Gesundheit und reproduktive Rechte aus. Und dazu gehören die richtigen Rahmenbedingungen, wie das Recht auf Gleichstellung und das Recht auf Schutz vor Diskriminierung aufgrund von Geschlecht oder sexueller Orientierung, das Recht auf körperliche Selbstbestimmung und Unversehrtheit sowie das Recht auf Bildung und Information.
 

Zugang zu Bildung und Information

Da braucht es keine grossen Denksprünge, um zu verstehen: Sexuelle Gesundheit und die sexuellen Rechte sind bedeutend, nicht nur in Bezug auf die physische und psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Individuen, sondern auch für deren Umfeld und für die Gesellschaft insgesamt. Um Sexualität lustvoll, aber auch selbstbestimmt leben zu können, ist der Zugang zu Wissen und Information wichtig. Dazu trägt diese Sonderbeilage bei. Aber auch die altersgerechte Sexualerziehung in Schulen, der Zugang zu den Zentren der Familienplanung, der sexuellen Gesundheit und der Aids-Hilfen, wie auch der Zugang zu guter und altersgerechter Information sind wesentlich. Wer informiert ist, hat schon eine gute Voraussetzung, die eigene Sexualität in vollen Zügen geniessen zu können. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Sommer!