Herr Dr. Stefan Gerber, nicht alle Frauen sind gleich stark von Vaginalinfektionen betroffen. Wie sind Ihre Erfahrungen als Gynäkologe?

Manche Frauen sind anfälliger als andere. Schlüsselelemente sind die Vaginalflora und die lokale Immunität. Diese unterliegen verschiedenen Einflüssen: Hygiene, Stress, Medikamentengebrauch, Geschlechtsverkehr usw. Allen diesen Faktoren gemeinsam ist, dass sie das Gleichgewicht und besonders die Laktobazillen gefährden.
 

Ansäuernde Mittel und Prebiotika helfen den pH-Wert der Scheide aufrechtzuerhalten

Die Scheide ist von zahlreichen Bakterien besiedelt; manche sind nützlich, andere verursachen Infektionen. Nützliche Bakterien sind hauptsächlich die Laktobazillen. Sie bilden Stoffe, die die Scheide ansäuern und andere – sogenannt pathogene – Keime unter Kontrolle halten.

Laktobazillen sind sehr empfindlich, und wenn sie ihre Schutzfunktion nicht wahrnehmen können, vermehren sich die pathogenen Keime. Dabei verschwinden die Laktobazillen, und man spricht von bakterieller Vaginose.

Die Vermehrung der pathogenen Bakterien geht oft mit vermehrtem Ausfluss mit typischem, fischartigem Geruch einher. Manchmal treten gleichzeitig auch Juckreiz, Reizungen und Rötungen auf. Bei sehr starkem Juckreiz ohne schlechten Geruch steht die Infektion wahrscheinlich in Zusammenhang mit einem Candida-Pilz.

Welches Vorgehen empfiehlt sich in diesen Fällen?
 

Hygiene, Stress, Medikamentengebrauch und Geschlechtsverkehr können das Gleichgewicht der Vaginalflora stören

Es braucht eine genaue Diagnose, um das beste Vorgehen festzulegen. Wenn jedoch ganz zu Beginn der Symptome einfach nur die Flora aus dem Gleichgewicht geraten ist, kann ein ansäuerndes Mittel für die Scheide helfen, diese Flora wieder auszugleichen. Manchmal ist eine intensivere Behandlung notwendig, vor allem mit Antibiotika, die pathogene Bakterien direkt angreifen und neutralisieren.

Es gibt auch Prebiotika zur Stimulation der Laktobazillen und raschen Wiederherstellung der Schutzwirkung, was besonders langfristig von Nutzen ist.

Jeder Fall ist spezifisch und die Diagnose wichtig für die Wahl des geeigneten Produkts, besonders bei gemischten Infektionen oder Rückfällen.

Was tun, um solchen Vaginalinfektionen vorzubeugen?

Die Ursachen sind vielfältig und damit auch die Vorbeugungsmassnahmen. Die Vaginalflora ist dynamisch, und das Vorgehen hat sich danach zu richten. Ziel ist es, dass die Laktobazillen weiterhin vorherrschen und die pathogenen Keime in Schach gehalten werden.

Erstes Element ist eine gute Intimhygiene, ohne übermässige Verwendung von Seife in der Scheide, weil die Laktobazillen damit schnell zerstört werden. In der Regel dürfen Produkte für die äusserliche Intimpflege nicht im Scheideninnern angewendet werden. Zudem erfolgt die Ansteckung häufig über den After, weshalb man sich stets von vorn nach hinten abwischen soll.

Eine Hauptursache für das Ungleichgewicht der Vaginalflora ist Geschlechtsverkehr. Beim Kontakt mit Sperma verliert die Scheide ihr saures Milieu, was die Laktobazillen schwächt und deutlich vermindern kann. Daneben kann auch die mechanische Reibung beim Geschlechtsverkehr das Gleichgewicht stören.

In diesem Fall werden Spülungen empfohlen, damit die Vaginalflora angesäuert wird und für die Laktobazillen wieder günstiger zusammengesetzt ist. Dabei können zahlreiche ansäuernde prebiotische Produkte einen günstigen Effekt haben.

Bei bakteriellen Vaginosen reagieren die pathogenen Bakterien besonders empfindlich auf das saure Milieu. Diese therapeutische Perspektive kann interessant sein, um wiederholte Antibiotikaanwendungen zu vermeiden. Die Anwendung eines ansäuernden Mittels für die Scheide hat in diesem Fall einen langfristigen Nutzen.

Manchmal können die Bakterien bei einer virulenten bakteriellen Vaginose nur mit einer antibiotischen Therapie eliminiert werden. Nach Abschluss der Behandlung sollte jedoch die Möglichkeit bestehen, mit einem ansäuernden Mittel und gelegentlich Prebiotika einen pH-Wert aufrechtzuerhalten, der für die Vaginalflora günstig ist und die gute Entwicklung der Laktobazillen ermöglicht.

Welches Produkt empfehlen Sie?

Es würde ethischen Grundsätzen nicht entsprechen, eine bestimmte Marke zu empfehlen. Wie gesagt ist die Vaginalflora besonders empfindlich und erfordert für die gute Entwicklung der Laktobazillen bei jeder Frau ein saures Milieu.

Deshalb sollten Produkte gewählt werden, die günstig für die Laktobazillen sind, einen angepassten pH-Wert aufweisen und möglichst natürlich sind. Diese können eine geeignete Lösung ohne die Gefahr von Allergien und Reizungen bieten.