Sie präsidieren seit kurzem die European AIDS Clinical ­Society (EACS). Wo liegen die Brennpunkte in Europa und welche Rolle spielen die ­Drogenszene und die ­Prostitution?
In Europa ist die Neuansteckungsrate nach wie vor zu hoch. Zudem wird die HIV-Infektion bei einem Drittel aller Patienten zu spät entdeckt; in 10 Prozent der Fälle sogar erst im Aids-Stadium. Eine späte oder zu späte Diagnose und Therapie kann die individuelle Prognose verschlechtern, und eine jahrelang nicht entdeckte HIV-Infektion kann zu mehr Übertragungen führen. In Osteuropa spielt die Drogenszene eine sehr grosse Rolle, nicht nur in Russland, sondern auch in anderen Ländern wie der Ukraine. Dort ist die Neuansteckungsrate von HIV bei Drogenabhängigen und deren Partnern wegen verschmutzter Spritzen sehr hoch. Zudem wird HIV über die Prostitution verbreitet. Russland und die Ukraine stehen bei den Therapien noch nicht da, wo sie sollten. Präventivmediziner, Ärzte und wichtige Partner im Kampf gegen HIV sollten deshalb mehr Unterstützung bekommen. Die wichtigsten Aufgaben der EACS sind die Herausgabe von Behandlungsrichtlinien über HIV in 14 Sprachen sowie Weiterbildungsangebote im Rahmen von Kursen und wissenschaftlichen Kongressen.

Welche Risikogruppen sind derzeit am meisten gefährdet?
Das betrifft alle, die wechselnde Partner haben, sich vorher nicht auf HIV testen lassen und ungeschützte Sexualkontakte pflegen. Speziell erwähnt werden muss die erhöhte Neuansteckungsrate bei homosexuellen Männern fast überall in Europa. Hier ist es wichtig, dass Betroffene wissen, dass sie HIV-infiziert sind, um Übertragungen deutlich zu reduzieren. In Zentral- und Osteuropa sind Präventionsprogramme für Drogenkonsumierende und deren Sexualpartner das wichtigste Anliegen.

Wie sieht die optimale HIV-Therapie aus?
Die Therapie setzt sich seit längerer Zeit aus mehreren Medikamenten zusammen, die verschiedene Enzyme hemmen. Eine optimale Therapie beginnt aber viel früher, mit einer sorgfältigen Information über HIV sowie der Prognose mit und ohne Therapie. Ein Patient muss zu dieser Therapie lebenslang bereit sein. Mit andern Worten: Es ist sinnvoller, wenn ein Patient etwas später, dafür mit hoher Zuverlässigkeit eine HIV-Therapie beginnt. Er soll zudem verstehen, weshalb die Therapie wichtig ist und wie sie wirkt.

Können dank optimierter Therapie Nebenwirkungen reduziert werden?
Eine optimale Therapie ist dann gegeben, wenn der Patient keine Nebenwirkungen verspürt und sich keine Zeichen von Toxizität manifestieren. Wie wir in der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie zeigen konnten, haben Nebenwirkungen einen Wechsel von Ersttherapien bei rund 20 bis 30 Prozent der Patienten zur Folge, wobei dies bei der grossen Palette von HIV-Medikamenten meist zu keinen grös­seren Problemen führt. Generell kann man sagen, dass die neueren Therapien wesentlich verträglicher sind. Trotzdem werden sie nach wie vor verschieden gut toleriert. Deshalb ist es wichtig, dass uns die Patienten über Nebenwirkungen informieren, um einen frühzeitigen Therapiewechsel zu besprechen. Nebenwirkungen haben bekanntermassen einen Einfluss auf die Therapietreue, was wiederum zu Resistenzen führen kann.

Mit welchen Herausforderungen sind heute neben den Spezialisten auch die Hausärzte konfrontiert?
Vielfach sind Hausärzte bei der Betreuung von HIV-Patienten involviert und wertvolle Partner im Behandlungskonzept. Verschiedene Therapien müssen aufeinander abgestimmt werden, damit HIV-Medikamente mit anderen Medikamenten keine negativen Wechselwirkungen haben. Dies erfordert ein spezielles Wissen gerade bei älteren HIV-Patienten, die oft zahlreiche Medikamente einnehmen müssen. Ein Problem ist nach wie vor der HIV-Test. Wir ermutigen Hausärzte, den Test vermehrt durchzuführen, gerade wenn bestimmte Symptome auf eine HIV-Erkrankung hinweisen. Früher wurde jeweils eine Vorbesprechung des HIV-Tests gefordert, was zur Folge hatte, dass Tests nur sehr limitiert durchgeführt wurden, weil in einer Notfallsituation eine Testberatung schlicht nicht möglich und es selbst für Spezialisten nicht einfach ist, die Patienten in dieser Situation mit vielen Fragen zu konfrontieren. Hier ist eine mündliche Information nötig, dass die Sorgfaltspflicht einen HIV-Test erforderlich macht. Weitergehende Informationen sollen Patienten gegeben werden, die dies ausdrücklich wünschen, und selbstverständlich auch dann, wenn ein Test positiv ausfällt.

Mehr Lebensqualität dank besserer Medizin: Stimmt diese Gleichung?
Meistens ja und bei der Entwicklung der wirksamen HIV-Medikamente auf jeden Fall. Studien zeigen, dass die Lebensqualität Betroffener meist gut und die Lebenserwartung nahezu normal ist. Bei rechtzeitigem Therapiebeginn wird auch die Arbeitsfähigkeit erhalten. Hingegen leiden viele HIV-Infizierte nach wie vor unter einem Stigma oder fürchten, diskriminiert zu werden. Aufgrund der Effizienz der Therapie können HIV-Infizierte heute aber ein weitgehend normales Leben führen, in Partnerschaften leben und bei Wunsch gesunde Kinder bekommen. HIV ist aber immer noch eine belastende Krankheit, die Therapien müssen lebenslang eingehalten werden. Der Fortschritt innerhalb der letzten 18 Jahre, als die Kombinationstherapien in Studien untersucht wurden, ist immens. Trotzdem: Es bleibt noch viel zu tun.