Nicht alle kiffenden Jugendlichen...

...seien süchtig und nicht jeder, der regelmässig Alkohol trinkt, ist abhängig davon, betont Stefanie Knocks vom Fachverband Sucht. «Jeder Rausch kann kurzzeitig glücklich machen, und das ist auch völlig in Ordnung. Aber wenn man insgesamt nur noch dann glücklich ist, wenn man kifft, trinkt, sein Instagram-Profil füllt oder Wetten auf Fussballergebnisse abschliesst, sollte man mit einer Suchtberatungsstelle reden und gemeinsam herausfinden, was man im Leben ändern könnte, damit es einem besser geht.»

Der risikoreiche Konsum beginne beim Alkohol, wenn zu viel, zu oft oder im falschen Moment getrunken wird, etwa in der Schwangerschaft und Stillzeit und bei gleichzeitiger Medikamenteneinnahme, erklärt Knocks.

Von einer Abhängigkeit spreche man, wenn mindestens drei der folgenden Kriterien gleichzeitig während des letzten Jahres vorhanden waren: ein starker Wunsch oder Zwang, zu konsumieren oder ein bestimmtes Verhalten auszuüben, eine verminderte Kontrolle darüber, wann man beginnt, wieder aufhört, wie viel man konsumiert oder ein bestimmtes Verhalten ausübt, Entzugssymptome, wenn man den Konsum oder das Verhalten beendet oder reduziert beziehungsweise auf andere Substanzen umsteigt, um die Entzugssymptome zu vermindern, eine Toleranz gegenüber der Substanz oder dem Verhalten, wenn man also immer mehr konsumieren muss, um die gleiche Wirkung zu erzielen.

Hinzu kommen eine fortschreitende Vernachlässigung anderer Aktivitäten oder Interessen zugunsten des Konsums oder des Verhaltens sowie ein erhöhter Zeitaufwand, um zu konsumieren, ein Verhalten auszuüben oder sich von den Folgen zu erholen. Schliesslich ein anhaltender Konsum oder eine Verhaltensweise, obwohl man sich damit selber schadet.

Viele auslösende Faktoren

Heute sei zumindest beim Alkohol erwiesen, dass es eine genetische Veranlagung für Sucht gebe, sagt Knocks. «Gewisse Menschen werden schneller süchtig, während andere weniger gefährdet sind.

Zum anderen können einschneidende Erlebnisse wie etwa der Tod eines geliebten Menschen, eine Scheidung oder auch die Pensionierung eine Suchtentwicklung begünstigen.» Eine hohe Arbeitsbelastung könne dazu führen, dass man ohne Schlafmittel nicht mehr einschlafen kann. Bei Missbrauch oder Gewalt in der Familie könnten Computerspiele eine Umgebung bieten, in die man flieht.

«Das kann zu einer Sucht führen, wenn die belastende Situation sich nicht auflöst und man keine Hilfe erhält. Und nicht zuletzt ist es, insbesondere beim Alkohol, der Gewohnheitskonsum, der über die Jahre zu einer Abhängigkeit führen kann.»

Sich selber hinterfragen

Wie aber kann sinnvollerweise über das eigene Verhalten reflektiert werden? Auf der einen Seite gebe es heute eine Reihe elektronischer Hilfsmittel wie zum Beispiel Online-Fragebögen von Suchtberatungsstellen, bei denen man Fragen zum Konsum von Cannabis, Alkohol, Tabak oder Medikamenten oder zu Verhaltensweisen wie etwa Einkaufen beantwortet. Das seien sogenannte Selbsttests, sagt Knocks.

«Dann gibt es Konsumtagebücher per App oder im Netz.» Ein Anfang kann auch sein, sich zu überlegen, warum man in einer bestimmten Situation kifft, trinkt, ein Medikament nimmt, einen Lottoschein ausfüllt oder das zwanzigste T-Shirt kauft.

Warum kiffe ich jetzt, kaufe ich das T-Shirt aus Frust über einen stressigen Arbeitstag und muss ich dann morgen wieder eines kaufen, wenn es erneut stressig wird: Sich solche Fragen zu stellen, könne hilfreich sein.

Anders gefragt: Sollte man sich auch Gedanken darüber machen, wie sehr das eigene Verhalten den Alltag beeinflussen oder allenfalls sogar beeinträchtigen kann? «Auf jeden Fall», sagt Stefanie Knocks.

«Wenn Sie merken, dass Sie Verabredungen mit Freunden absagen, weil Sie den Zwang verspüren, Ihre Social-Media-Accounts à jour zu halten, oder den Lauftreff regelmässig absagen, weil Sie zu verkatert sind, sollten Sie sich Hilfe suchen.» Zudem könne jeder selber etwas zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit Suchtmitteln beitragen, indem man ein gutes Vorbild für andere ist.