Wie, Frau Leuthard, kann die psychische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen nachhaltig gefördert werden?

Die wichtigste Grundlage für Kinder ist eine sichere Eltern-Kind-Bindung. Das fängt bereits beim Säugling an. Wenn der Säugling zum Beispiel schreit, versuchen die Eltern herauszufinden, was ihm fehlt. Dabei ist es wichtig, dass sie feinfühlig auf den Säugling eingehen. Das gibt ein starkes emotionales Band zwischen den Eltern und dem Kleinkind und vermittelt Sicherheit und Stabilität. Werden die Kinder mobil, beginnen sie sich von den Eltern zu lösen.

Sie wollen ihre eigenen Erfahrungen machen. Eltern sollten dem Kind dann altersgemäss Freiräume gewähren. Das emotionale Band wird elastisch und ermöglicht dem Kind, selber Erfolge und Misserfolge zu erleben. Eltern sollten ihrem Kind immer etwas zutrauen. Und ihm auch helfen, mit Frustrationen zurechtzukommen.

Wie können Jugendliche dazu angeleitet werden, sich selbst anzunehmen und dabei lernen, mit ihren eigenen Stärken und Schwächen umzugehen?

Wir Eltern sind die besten Vorbilder für unsere Kinder. Wenn wir Eltern uns selber annehmen, kann das Kind von uns lernen. Es braucht zudem für Teenager genügend Freiräume, um die eigenen Stärken und Schwächen erfahren zu können. Das elastische Band, von dem ich eingangs gesprochen habe, wird in der Jugend beziehungsweise der Pubertät erfahrungsgemäss stark strapaziert.

Aufgabe der Eltern ist es, dafür zu sorgen, dass dieses Band nicht reisst. Aus dir wird noch was, auch wenn es noch nicht danach aussieht: Mit diesem Gedanken sollten die Eltern Vertrauen in die Entwicklung der Jugendlichen setzen.

Was kann bei Kindern und Jugendlichen eine psychische Krise auslösen?

Oft gibt es nicht nur einen Auslöser. Meistens spielen viele Ursachen eine Rolle.

Das können zum Beispiel kritische Lebensereignisse sein wie ein Todesfall in der Familie, eine sehr konfliktreiche Trennung der Eltern oder häusliche Gewalt, aber auch schweres Mobbing in der Schule. Dann ist es entscheidend, dass das Kind über genügend Schutzmechanismen verfügt und die nötige Hilfe bekommt.

Wie sollen Erwachsene, seien dies Eltern, Verwandte oder auch Lehrpersonen, sich in einer solchen Situation verhalten?

Wichtig ist, das Kind adäquat zu begleiten. Was beobachte ich beim Kind, inwiefern verändert es sich, wie kann ich das Kind darauf ansprechen – solche Aspekte sind zentral. Dringend Hilfe holen sollte man sich unter anderem dann, wenn man glaubt, beim Kind Suizidgedanken festzustellen – und zwar besser einmal zu früh als zu spät.

Lernen bedeutet Entdecken, Bewegung und Aktivitäten fördern nachweislich die körperliche und mentale Gesundheit. Welche Tipps geben Sie selber, wenn es um die Förderung der psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen geht?

Gerade bei kleinen Kindern ist es zentral, dass sie frei und unverplant spielen können. Bei älteren Kindern werden Hobbys und Freizeitaktivitäten zum Beispiel in einem Verein wichtig.

Hilfe annehmen, ist ein Akt der Stärke. Wo finden betroffene Kinder, Jugendliche und Eltern Hilfe, Rat und Unterstützung in psychischen Notlagen?

Das kommt auf die Problemstellung an. Klassische Anlaufstellen sind der Kinderarzt, Erziehungs- und Jugendberatungsstellen, der Schulpsychologische Dienst, die Schulsozialarbeit oder auch Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienste. Zudem gibt es heute auch Online-Angebote, die man in Anspruch nehmen kann.

Gabriela Leuthard ist ausgebildete Psychologin und Leiterin Geschäftsstelle Elternbildung beim Amt für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich.