Was sind Ihrer Meinung nach die grössten Probleme einer immer älter werdenden Gesellschaft wie der unseren?
Ich sehe weniger Probleme als Chancen. Erstmals können die meisten Menschen fast die gesamte Lebensspanne in einem gesundheitlich guten Zustand erleben. Wir  gewinnen quasi eine neue Lebensphase: Nach der Kindheitsphase und dem Erwerbsleben erleben wir die neue Phase, in der wir finanziell abgesichert sind, nicht mehr arbeiten müssen und eine neue Freiheit geniessen können. In dieser Phase sind wir fit und nicht auf Betreuung angewiesen. Wir können das Leben im Ruhestand in vollen Zügen geniessen. Natürlich haben wir kleinere Beschwerden, aber diese sind dank den Fortschritten der Reparaturmedizin nicht schlimm.

An diese dritte Lebensphase des selbständigen Alters schliesst die vierte, die gebrechliche Phase an, in der wir auf Hilfe oder gar Pflege angewiesen sind. In der Schweiz nimmt das dritte, selbständige Lebensalter zu, gleichzeitig wird die Phase der Abhängigkeit kürzer. Vermutlich hängt das einerseits damit zusammen, dass wir hierzulande dank den Ergänzungsleistungen zur AHV keine Altersarmut haben. Alle alten Menschen können sich etwas mehr als nur das Lebensnotwendige leisten. Andererseits liegt dies auch an unserem Lebensstil: Ältere Menschen sind viel an der frischen Luft, spazieren häufig. Wir haben überall in der Schweiz attraktive Wander- und Spazierwege, die von der Bevölkerung auch regelmässig genutzt werden. Dies unterstützt uns im gesunden Alterungsprozess.

Ist unser Gesundheitssystem Ihrer Meinung nach genügend auf eine immer älter werdende Gesellschaft ausgerichtet?
Es ist sogar sehr gut ausgerichtet. Unsere Reparaturmedizin funktioniert hervorragend. Jeder, der beispielsweise ein neues Gelenk braucht, bekommt dies ohne bürokratische Wartezeiten. Unser Land verfügt über gute Ärzte und Krankenschwestern, nicht nur in wenigen Zentren, sondern in jedem Dorf.

Woran leiden alte Menschen heute am häufigsten?
Wir leiden heute nicht, sondern wir erfreuen uns des Lebens, trotz kleinerer oder grösseren Altersgebrechen. Diese gehören zum Altern. Es gibt keine völlig gesunden alten Menschen, höchstens ungenügend untersuchte. Arthrosen sind sicher das häufigste Leiden, wobei die zu schmerzhaften Gelenke chirurgisch durch Metallgelenke ersetzt  werden können. Bis es soweit ist, kann man Schmerzmittel benutzen, die in der Regel sehr gut wirken. Osteoporose ist nach wie vor ein grosses Problem, wobei dieses Leiden zurückgehen wird. Die Medizin ist mittlerweile an einem Punkt, an dem man behaupten kann, dass wir das ziemlich gut in den Griff bekommen. Immer mehr Menschen nehmen Vitamin D ein, was der Osteoporose entgegenwirkt. Und das ist auch nicht teuer, es kann also jeder etwas dagegen tun. Die Zahl der an Osteoporose leidenden Menschen wird in der Zukunft also zurückgehen.

Vor Demenz fürchten sich die meisten Menschen. Aber auch da macht die Forschung stets Fortschritte. Die Nonnenstudie veranschaulicht diese Aussage: Bei der Studie wurde eine Gruppe Nonnen über viele Jahre begleitet, um die Entwicklung von Demenz in einer grossen Gruppe von ähnlich lebenden Menschen zu erforschen. Nach dem Tod der Nonnen durfte das Forscherteam auch deren Gehirne untersuchen. Bei vielen dementen Nonnen konnten neben den typischen Alzheimerveränderungen viele Narben von kleinen Schlaganfällen nachgewiesen werden.  Ebenso entscheidend für die Entstehung von Demenz wie die Plaques selbst sind also Schlaganfälle, welche durch Vermeidung der bekannten Risikofaktoren für Arteriosklerose, früher Arterienverkalkung genannt, weitgehend verhindert werden können.

Wie bleibt man im hohen Alter möglichst lange gesund?
Es geht darum, diese Risikofaktoren zu vermindern. Nicht rauchen, sich regelmässig bewegen und gesund essen. Dazu ist es besonders wichtig, viel Gemüse und Früchte zu sich zu nehmen, dafür weniger rotes Fleisch und möglichst wenig tierische Fette. Nur Fisch und Alpenkäse sind wegen deren Omega-Drei-Fettsäurengehalt sehr gesund. Aus Rotterdam ist zum Beispiel bekannt, dass wer ein- bis zweimal pro Woche Fisch oder andere Meerestiere isst, nur halb so häufig Demenz bekommt wie Menschen, die nie Fisch essen. Damit muss man schon früh anfangen. Die Verantwortung liegt bei den Eltern.
In meinen Augen ist es realistisch zu behaupten, dass wir im Vergleich zu früher je länger je weniger demenzkranke Personen pro Altersgruppe verzeichnen werden, weil sich in der Schweiz ein immer gesünderer Lebensstil durchsetzt.