Es ist ein Paradox, ein Widerspruch. Im digitalen Zeitalter ist Sex auf allen Kanälen präsent. Der attraktive Homo sapiens ist – so wird suggeriert – jung, fit, erfolgreich und hat Sex. Möglichst viel davon. Und wer keinen hat, macht etwas falsch, ist selber schuld und kann schnell zum Gespött werden. Die Realität aber ist banaler: Junge Menschen sind nicht 24 Stunden sexuell aktiv und die Ü50-Generation ist in Sachen Geschlechtsverkehr nicht untätig. Doch ob alt oder jung, ob hyperaktiv oder mit einem durchschnittlichen Stehvermögen gesegnet, Geschlechtskrankheiten gehen alle etwas an und niemand, der sexuell aktiv ist, ist davor gefeit. Geht es jedoch darum, über (s)eine Geschlechtskrankheit zu sprechen, scheinen wir nicht einmal mehr analog zu funktionieren. Uns fehlen buchstäblich die Worte, was schwerwiegende Folgen haben kann.

Ein Schmuddel-Image?
Warum sich das so verhält, ist nicht einfach zu erklären. Geschlechtskrankheiten haftet noch immer ein Schmuddel-Image an, Geschlechtskrankheiten gelten irgendwie als unsauber. Hartnäckig hält sich das Vorurteil: Wer eine Geschlechtskrankheit hat, ist selber schuld, schliesslich kann man sich schützen. Wer eine Geschlechtskrankheit hat, wird darum oft mit Schuld- und Schamgefühlen konfrontiert. Sei es durch andere oder sei es durch sich selbst. Dabei haben die meisten Menschen in ihrem sexuell aktiven Leben einmal eine Geschlechtskrankheit, als Direktbetroffene oder ihre Sexualpartner. Herpes, Chlamydien-Infektionen, Pilz­erkrankungen oder Feigwarzen sind weit verbreitet. Und der überwunden geglaubte Tripper und die Syphilis erleben seit der Jahrtausendwende eine Wiedergeburt. Menschen sind mobil, Menschen gehen fremd, Menschen haben Sex, auch ungeschützten. Und eine Panne kann passieren. Das ist Realität.

Das Schweigen brechen
Wichtig ist bei Anzeichen einer möglichen Geschlechtskrankheit, die Ärztin aufzusuchen und allenfalls den Partner, die Partnerin zu informieren. Und sich nicht – aus Angst oder Scham – zu verstecken. Denn die meisten Geschlechtskrankheiten sind gut behandelbar. Und HIV, die bekannteste und gefürchteste Geschlechtskrankheit, ist mittlerweile eine behandelbare, wenn auch chronische und lebenslängliche Krankheit geworden. Allgemein gilt: Je rascher eine Diagnose gestellt wird, desto besser für alle Betroffenen. Denn Schweigen ist im Falle von Geschlechtskrankheiten definitiv nicht Gold.