Ohne genügend und ohne einen erholsamen Schlaf bekommen Menschen über kurz oder lang ernsthafte gesundheitliche Probleme. Diese Aussage dürften die meisten unterschreiben, auch wenn der oder die Einzelne mit unterschiedlich viel Schlaf auskommt. Zu offensichtlich sind die von der modernen Schlafforschung vorgelegten Belege, welche in diesem Heft zusammengetragen wurden. Die Frage wäre höchstens: Brauchen wir auch während des Tages Ruhe- beziehungsweise Schlafpausen? Vieles spricht dafür. Noch für unsere Grossväter war das Nickerchen über Mittag eine Selbstverständlichkeit. Die Arbeitswege waren kürzer, die Mittagspause wesentlich länger als heute. Der Vater kam über Mittag meist nach Hause. Nach dem Mittagessen legte er sich, während die Mutter den Abwasch machte, für zwanzig Minuten aufs Ohr. Niemand zweifelte daran, dass der kurze Mittagsschlaf dem Vater gut tat.


Nutzen wissenschaftlich belegt

Heute belegen zahlreiche Untersuchungen aus der Schlafforschung, dass der zum «Powernap» beförderte Mittagsschlaf müde Männer und Frauen für den Nachmittag tatsächlich wieder munter macht. Die Erholungspause braucht es, weil bei den meisten Menschen zwischen 12 und 15 Uhr die Leistungskurve absinkt. Ein Kurzschlaf von zehn bis zwanzig Minuten Dauer bewirkt eine Reduktion der Schläfrigkeit, regeneriert Körper und Geist, verbessert die Leistungs-, Konzentrations- und Merkfähigkeit und senkt die Fehlerquote. Dies besagen die wichtigsten Ergebnisse aus der Schlafforschung.


Powernapping im Betrieb – noch die Ausnahme

Arbeitgeber wären also gut beraten, auf das Erholungsbedürfnis ihrer Mitarbeitenden Rücksicht zu nehmen und Ruheräume anzubieten. Das tun in der Schweiz erst wenige Unternehmen wie etwa IBM oder Price Waterhouse Coopers und einige Krankenversicherer. Am Investitionsaufwand kann es nicht liegen, dass sich Schweizer Unternehmen mit Ruheräumen schwer tun: Ein 14 bis 20m2 grosser Raum mit einigen Liegen oder aufrollbaren Matten genügt als «Hardware». Wenn der Platz für einen separaten Ruheraum fehlt, haben doch die meisten Unternehmen Konferenzzimmer, die nicht ständig belegt sind. Der Raum muss nicht einmal abdunkelbar sein, Augenbinden erfüllen ihren Zweck genausogut.

Die Erfahrung zeigt allerdings, dass «Powernapping» in Betrieben sorgfältig eingeführt werden will. Einzugestehen, dass man müde ist und eine Pause braucht, statt mit den anderen Essen zu gehen, erfordert mitunter Mut. Niemand will von den Arbeitskollegen und von seinen Vorgesetzten als «Weichei» eingestuft werden. Powernapping im Betrieb hat deshalb nur eine Chance, wenn es Teil der Unternehmenskultur wird. Die Unternehmensleitung muss klar signalisieren: «Ein Kurzschlaf über Mittag tut gut. Wir legen Wert auf ausgeruhte Mitarbeitende.»


Powernappen kann man überall

Mit Powernappen sollten wir aber nicht warten, bis jeder Betrieb seinen Ruheraum hat. Gelegenheiten für ein kurzes, erholsames Nickerchen finden sich überall. Man muss sich dafür nicht hinlegen. Zwei Stühle tun es auch. Auf einem sitzt man, auf den anderen lagert man die Beine hoch und senkt den Kopf auf die Brust – und schon ist man weg. Auch wer mit Zug oder Tram unterwegs ist, muss nicht auf seinen Powernap verzichten. Damit Sie die nächste Station nicht verpassen, stellen Sie den Alarm Ihres Handys oder nehmen einen Schlüsselbund in die Hand. Wenn dieser zu Boden fällt, haben Sie erfahrungsgemäss etwa zehn Minuten gedöst. Der Erholungseffekt stellt sich auch dann ein, wenn Sie nicht richtig schlafen, sondern sich nur im Halbschlaf befinden.

Schalten Sie zusätzlich zum Powernap während Ihres Arbeitstages immer wieder Mikropausen ein. Das sind Pausen von wenigen Sekunden bis ein paar Minuten Dauer. Schliessen Sie die Augen, atmen Sie tief durch und nehmen Sie innerlich einen Moment Abstand von Ihrem Tun. Eine Bewegungsübung zwischendurch, damit Ihre Skelettmuskulatur beim langen Sitzen keinen Schaden nimmt, vervollständigt Ihr Pausenprogramm. Um auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen: Brauchen wir auch tagsüber Ruhe- beziehungsweise Schlafpausen? Ich meine – ja. Dabei sollte aber nicht vergessen gehen, dass ein Kurzschlaf am Tag kein Ersatz ist für einen erholsamen Schlaf in der Nacht. Bestehende Schlafstörungen soll man daher behandeln lassen.

 

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