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Thomas Mattig

Position: Direktor der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz seit 2007.

Werdegang: Bis heute ist Thomas Mattig in einer Vielzahl nationaler und internationaler Gremien im Gesundheits- und Präventionsbereich engagiert.

Privat: Er ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in Bern.

Süssgetränke gehören zu den meist beworbenen Nahrungsmitteln bei Kindern und Jugendlichen. Nicht zuletzt deshalb haben sich unsere Trinkgewohnheiten in den letzten Jahrzehnten drastisch geändert. Mediaplanet hat sich mit Thomas Mattig, Direktor Gesundheitsförderung Schweiz, über den massvollen Umgang mit Süssgetränken unterhalten.

Herr Mattig, süss ist nicht immer gleich süss. Was versteht man unter sogenannten klassischen Süssgetränken?
Als Süssgetränke gelten gezuckerte Getränke mit oder ohne Kohlensäure (Cola, Eistee etc.) sowie gezuckerte Energy-Drinks und Sirup.

Von welcher Altersgruppe werden Süssgetränke am meisten konsumiert?
Der Süssgetränkekonsum steigt bei Kindern ab 9 Jahren signifikant an und mit zunehmendem Alter trinken die Jungen immer mehr Süssgetränke. Besonders beunruhigend ist der Konsum von gezuckerten Energy-Drinks: Solche Getränke enthalten je nach Grösse bis zu zwölf Würfelzucker – mehr noch als eine Cola. Es hat sich gezeigt, dass jeder siebte Jugendliche mindestens einen Energy-Drink pro Tag konsumiert.

Was sind typische Langzeit­folgen beziehungsweise Folgekrank­heiten bei zu hohem Zuckerkonsum bei Kindern und Jugendlichen?
Das Hauptproblem ist das Übergewicht,  ­respektive die Fettleibigkeit. Süssgetränke sind wenig sättigend, enthalten jedoch zugleich eine grosse Menge Kalorien. Ein Liter Cola  enthält rund 25 Würfelzucker. Übermässiger Zuckerkonsum kombiniert mit wenig Bewegung und unausgewogener Ernährung macht den Menschen krank. Als Folge davon können Konsumentinnen und Konsumenten beispielsweise an Diabetes Typ II erkranken.

Welche gesundheitlichen Folgen treten im Zusammenhang mit Süssgetränken sonst noch auf?
Süssgetränke können zu Karies und Zahnerosionen führen. Solche Zahnschäden hängen nicht nur vom Zuckeranteil in den entsprechenden Getränken ab, sondern auch von der Häufigkeit des Konsums. Konsumiert man mehrere Einheiten über den Tag verteilt, hat das besonders negative Konsequenzen für die Zähne.

Wie kann ich als Konsument solche «kritischen» Süssgetränke in den Einkaufsregalen erkennen und umgehen?
Der Zuckergehalt eines Getränks kann anhand der Nährwertangaben auf der Etikette praktisch jeden Produkts ermittelt werden. Die Angaben werden bei Getränken pro 100 ml oder pro Liter gemacht. Ein Getränk mit mehr als 6,3 Gramm Zucker pro 100 ml bezeichnen wir als sehr stark gesüsst. Hilfreich ist dabei die Angabe auf den Etiketten des Anteils am durchschnittlichen Tagesbedarf. Ein Beispiel: Ein Glas Cola (2,5 dl) enthält 29 Prozent des durchschnittlichen täglichen Zuckerbedarfs einer erwachsenen Person.

Sind natürliche Fruchtsäfte oder Schorlen die gesündere Variante?
Natürliche Fruchtsäfte enthalten ebenfalls Zucker. Der natürliche Zuckergehalt eines Fruchtsaftes liegt zwischen 5 und 15 g pro 100 ml und kann daher durchaus mit dem Zuckergehalt einer Limonade verglichen werden. Im Unterschied zu Süssgetränken sind Fruchtsäfte jedoch nahrhafter. Sie enthalten zudem die Nährstoffe der verwendeten Früchte – Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente.

Lightprodukte sind künstlich gesüsste Getränke. Wie kann sich deren regelmässige Einnahme auf die Gesundheit des Konsumenten auswirken?
Light-Getränke enthalten weniger Zucker als das Original, oder gar keinen Zucker. Zur Kompensation werden intensiv wirkende künstliche Süssstoffe (zum Beispiel Saccharin, Aspartam) oder Zuckersorten mit stärkerer Süsskraft (etwa Fruchtzucker) beigemischt. Verwendet werden auch Zuckeraustauschstoffe, welche nur teilweise vom Körper aufgenommen werden und daher weniger Energie liefern (wie Sorbit). Über die gesundheitlichen Auswirkungen solcher Getränke liegen im Moment noch keine gesicherten Erkenntnisse vor.

Die grossen Lebensmittel­konzerne geben viel Geld aus, um ihre Produkte zu bewerben. Im Zusammenhang mit Süssgetränken, aber auch mit anderen Lebensmitteln, ist dabei die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen oftmals von besonderem ­Interesse. Was halten Sie davon?
Diese Werbestrategien halten wir für höchst problematisch. Kinder und Jugendliche sind der Werbung besonders stark ausgesetzt und reagieren oft unkritisch auf die ausgesendeten Botschaften. Die möglichen Konsequenzen von übermässigem Konsum können sie schlecht abschätzen. Deshalb sollte auf Werbung für ungesunde Produkte, die sich gezielt an Kinder richtet, gänzlich verzichtet werden.

Wäre es aufgrund des gesundheitlichen Risikopotenzials sinnvoll, eine Steuer auf Süssgetränke zu erheben?
Die Wirksamkeit einer künstlichen Verteuerung von Süssgetränken konnte bisher nicht nachgewiesen werden.Wir finden es wichtig, dass sich die Konsumentinnen und Konsumenten bewusst für oder gegen eine gesunde Ernährung entscheiden können. Dazu braucht es eine transparente Lebensmittelkennzeichnung, klare und leicht verständliche Nährwertangaben sowie wahrheitsgetreue und verantwortungsvolle Werbebotschaften.

Was empfehlen Sie Familien im Umgang mit Getränken?
Wir Erwachsenen brauchen ungefähr 1 bis 2 Liter Flüssigkeit pro Tag. Bei Kindern ist es je nach Alter weniger. Dabei ist Wasser das Getränk erster Wahl für alle Kinder und Jugendlichen. Die Wasserqualität ist in der Schweiz hervorragend. Als energiefreies (kalorienfreies) Nahrungsmittel leistet es einen wichtigen Beitrag zu einem gesunden Körpergewicht. Süssgetränke hingegen sollten nur mit Mass konsumiert werden, da sie ansonsten zu Übergewicht und Folgekrankheiten wie Diabetes führen können. Auch bei Fruchtsäften ist Zurückhaltung angebracht.